Prozess gegen Messerstecher von Grafing hat in München begonnen

München (Bayern) (APA/dpa) - Der mutmaßliche Messerstecher von Grafing bei München muss sich seit Montag wegen Mordes und dreifachen Mordver...

München (Bayern) (APA/dpa) - Der mutmaßliche Messerstecher von Grafing bei München muss sich seit Montag wegen Mordes und dreifachen Mordversuchs vor dem Landgericht München II verantworten. Der damals 27-Jährige aus Hessen soll am 10. Mai 2016 am S-Bahnhof Grafing wahllos auf Passanten eingestochen und dabei „Allahu Akbar“ (Allah ist groß) gerufen haben.

Ermittler bewerten die Bluttat gleichwohl nicht als islamistisches Attentat, weil der Mann vermutlich psychisch krank ist. Der Beschuldigte hatte nach seiner Festnahme vor dem Bahnhof einen verwirrten Eindruck gemacht und war deswegen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden.

Ob die Tat des zuvor von Sozialhilfe lebenden arbeitslosen Tischlers überhaupt strafrechtlich geahndet werden kann oder ob der Mann wegen Schuldunfähigkeit dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird, muss nun das Gericht entscheiden. Das Urteil könnte bereits am Donnerstag kommender Woche ergehen.

Die Antragsschrift der Münchner Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen vor, er habe - gejagt von Wahnvorstellungen einer vom Islam überrannten Welt, die keine „Ungläubigen“ dulde -, am S-Bahnhof der oberbayerischen Gemeinde auf Passanten eingestochen. Seiner Ansicht nach habe er sich nur durch ein Menschenopfer retten können.

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Der heute 28-Jährige tötete im Mai vorigen Jahres einen 56 Jahre alten Mann und verletzte drei weitere Passanten zum Teil schwer. „Ungläubiger, du musst jetzt sterben“ und „Allahu-Akbar“ (Allah ist groß) soll der Messerstecher gerufen haben. Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund, wie kurz nach der Tat vermutet, fanden die Ermittler nicht.

Die Staatsanwaltschaft ging von einer Psychose aus. Diese löste wohl bei dem Betroffenen eine starke Angst aus, von Islamisten verfolgt zu werden. „Es tut mir alles schrecklich leid. Ich wünschte, das alles wäre nie passiert“, sagte der gebürtige Hesse vor Gericht.

Bereits zwei Tage vor seiner Bluttat am 10. Mai 2016 litt er unter Wahnvorstellungen. Er habe geglaubt, einen Mord beobachtet zu haben, schilderte er im Prozess. Der Hartz-IV-Empfänger informierte seine Familie, erzählt von dem vermeintlichen Mord. Die Angehörigen bringen ihn in ein Krankenhaus in Gießen, doch er entließ sich nach einer Nacht selbst. „Ich wünschte, ich wäre in der Klinik geblieben“, sagte er heute.

Weil der junge Mann überzeugt davon war, dass Deutschland nicht mehr sicher sei, wollte er das Land verlassen - und stieg zunächst in einen Zug nach München. Als er dort ankam, sah er zwei Polizisten. Er habe sie für die „Islampolizei“ gehalten, erzählte er. Auf der Flucht vor den Beamten sei er in eine S-Bahn gestiegen. In Grafing bei München sei er ausgestiegen, weil er geglaubt habe, dass der Zug voller Muslime sei.

Schon seit Jahren plagen den Mann psychische Krankheiten. Er sei mal manisch, mal depressiv gewesen, berichtete er. Behandlungen hätten nichts gebracht, die Medikamente habe er selbst immer wieder abgesetzt. Im Nachhinein bereue er das sehr. Auch mit Drogen und Alkohol habe er Probleme gehabt.

Einen vorbeifahrenden Güterzug deutete er an dem Morgen seiner Attacke als Zeichen von Allah, wie er während seiner stundenlangen Aussage vor Gericht ausführt: Durch ein Menschenopfer könne er sich retten. Daraufhin stach er erst auf einen Passanten vor dem S-Bahnhof ein, dann suchte er sich weitere Opfer. Einer der Bedrohten konnte in ein Taxi springen und sich retten. „Glück gehabt“, sagte der Zeuge vor Gericht. Seitdem fahre er nicht mehr S-Bahn.

Religiös war der 28-Jährige eigenen Angaben zufolge nicht. „Ich bin sehr atheistisch aufgewachsen.“ Er habe sehr wenig über den Islam gewusst. Vor Gericht wirkt er angespannt und müde. Im Moment gehe es ihm aber gut, erklärte er.


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