Randy Newman: Amerikas schönste Alpträume

Betrogene Sonny Boys und der „Putin-Man“: Der große Songwriter Randy Newman legt nach neun Jahren ein neues Album vor.

Randy Newman wurde mit dem Satire-Song "Short People" 1977 berühmt.
© Springsteen

Innsbruck –Bei einem Songwriter wie Randy Newman ist „neu“ ein dehnbarer Begriff: „It’s a Jungle Out There“, das ungefähr in der Mitte seines neuen Albums „Dark Matter“ für groovige Grundstimmung sorgt, kennt man: Von 2003 an war es der Theme-Song der US-Krimiserie „Monk“. 2004 bekam Newman dafür einen Emmy. 2009 wurde es von Snoop Dogg gecovert.

Für „Dark Matter“ hat New­man den Song aufwändiger arrangiert: Sein Knarzen über die Gefahren der zivilisierten Welt wird von einer Bigband begleitet. Auch „Putin“, das Lied, um das bereits vor Erscheinen des Albums viel Aufhebens gemacht wurde, spielte Newman bereits live. Allerdings in einer etwas abgespeckteren Version. Auf dem Album ist „Putin“ ganz großes Theater. Fett orchestriert mit Bläsern und Background-Vokalistinnen, macht sich Newman über die Allmachtsphantastereien des russischen Präsidenten – „I am the Putin-Man“ – lustig. Und man würde gerne darüber lachen, wäre der Song nicht so bedrohlich nah dran an der Realität: Am Tag des Erscheinens von „Dark Matter“ gingen kernige Oben-ohne-Bilder Putins um die Welt. Diesmal mit Fisch: „The Putin-Man is back.“

Neun Jahre sind seit Randy Newmans letztem Studio-Album vergangen. Auf „Harps and Angels“ hallten die Bush-Jahre nach. Newmans hinreißender Versuch, „A Few Words In Defense of Our Country“ zu finden, endete damals kläglich.

Inzwischen sitzt ein Mann im Oval Office, der die USA „great again“ machen will – und der sich selbst Newmans Spott nicht verdient. Er habe einen Song über Donald Trump geschrieben und verworfen, ließ der inzwischen 73-jährige Songwriter kürzlich wissen. Man müsse zu diesem grausamen Thema nichts beitragen.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

Trotzdem ist „Dark Matter“ ein Album über die USA dieser Tage geworden: Im Opener „The Great Debate“ geht es um nichts Geringeres als den Streit von Wissenschaft und religiösen Fanatikern. Das könnte reichlich öde und nach erhobenem Zeigefinger klingen, würde Newman nicht alle Register ziehen: „The Great Debate“ ist eine stilistisch kaum fassbare Talkshow-Parodie voll fahriger Jazz-Anklänge, neuromantischem Schwelgen, Geschwurbel, Rauschen, einer Gospeleinlage, die sich gewaschen hat – und viel Selbstironie. Er wisse, dass er ein Idiot sei, sagt ein Glaubender, schließlich sei er, der Kreationist, die Kreation eines gewissen Herrn Newman, der als selbsterklärter Atheist an nichts glaube. Da kann einem selbst die Erderwärmung („Is it, and if so, so what“) ziemlich egal sein: Ein Lied von einem, der nichts glaubt, sei nicht ernst zu nehmen.

Was man bei allem politischen Biss, der musikalisch üppig dekorierten Satire, gern übersieht: Randy Newman zählte von jeher zu den großen Romantikern unter den US-Songschreibern. Davon zeugen die Songs, die er zuletzt für die Pixar-Trickfilme geschrieben hat – und es wird auch auf „Dark Matter“ deutlich: „She Chose Me“ etwa ist eine anrührende kleine Liebesgeschichte, „Lost Without You“ eine tastende Annäherung ans gemeinsame Altern. In „Sonny Boy“ erinnert er an den Blues-Pionier Sonny Boy Williamson, der 1948 ermordet wurde. Reich wurde ein anderer, der ihm die Songs und den Namen klaute.

Und „Brothers“ könnte man als Einladung zum Mitschunkeln missverstehen, wären die beiden Brüder, die eine kubanische Schönheit besingen, nicht Bobby und John F. Kennedy. Sie warten auf Informationen aus der Schweinebucht. Auch damals im April 1961 ist einiges schiefgelaufen. Mit seinem neuen Album beweist Randy Newman einmal mehr: Niemand besingt amerikanische Alpträume schöner als er. (jole)


Kommentieren


Schlagworte