Kunstprojekt „Eine Million“: Töpfern bis ans Lebensende

Berlin (APA) - Als „völlig realpolitisch“ bezeichnet die in Berlin lebende österreichische Künstlerin Uli Aigner ihr Großprojekt, das sie 20...

Berlin (APA) - Als „völlig realpolitisch“ bezeichnet die in Berlin lebende österreichische Künstlerin Uli Aigner ihr Großprojekt, das sie 2014 begonnen hat. Es heißt „Eine Million“, und Aigner hat sich zum Ziel gesetzt, bis an ihr Lebensende eine Million Porzellan-Gefäße zu brennen. „Das ganze Projekt ist Notwehr gegen den Kunstbetrieb“, sagt die Künstlerin. „Ich bin nicht bereit seiner Marktlogik zu folgen.“

Soeben ist das Gefäß mit der Nummer 2334 fertig geworden. Uli Aigner drückt in ihrer Arbeit die Spannung zwischen analoger und digitaler Welt aus: Denn die Idee der Porzellanherstellung war von Anfang an mit der Internet-Dokumentation und Katalogisierung der geschaffenen Gegenstände verknüpft. „Es hat einen Konzeptkunstansatz: Das analoge physische In-der-Welt-Sein als Gegensatz anzulegen“, sagt Aigner im Gespräch mit der APA. „Und es geht darum, wie ich Globalisierung persönlich empfinde, darum, die digitale Revolution zu verstehen, indem ich mich involviere.“ Das Porzellan sei „auch ein Speichermedium von meinem Kopf“.

In jeden Gegenstand graviert Aigner eine fortlaufende Nummer ein, gibt somit jedem einzelnen Objekt, das ihre Werkstatt verlässt, Individualität. Auf ihrer Homepage sind alle Gefäße fotografisch abgebildet, ihre Aufenthaltsorte über Google Map festzustellen, denn jeder Erwerber muss seine Stadt und Straße angeben. Somit ist „Eine Million“ auch ein Projekt der Vernetzung. Sie sei ein neugieriger Mensch, sagt die 52-jährige Künstlerin. Sie wolle überall auf der Welt sein. „Und weil das nicht geht, konfrontiere ich die Welt mit meinen Gegenständen. Ich empfinde die Werke als Spur meines Körpers.“ Jedes einzelne Objekt sei ein Avatar ihrer selbst.

Inzwischen sind Aigners Gefäße auf allen Erdteilen zu finden. Sie stellt sie - Pokale, Becher, Teller, Kelche - für den Feminist Foodclub ebenso her wie für die katholische Kirche oder die Freimaurer. „Alles ist in direktem Zusammenhang: Unser Wohlstand und der Rest der Welt“, sagt Aigner. Sie stellt Geschirr her, weil dies einen direkten Bezug zum Essen und damit zur Gegenwart habe. „Ich brauche die Menschen und ihre Emotion, deshalb das Geschirr.“ Parallel steht demgegenüber ein digitaler Datensatz im Netz. Für Aigner ist diese Kombination eine „Versuchsanordnung“.

Inzwischen sind auch schon diverse Museen auf „Eine Million“ aufmerksam geworden: Das 21er Haus in Wien oder das Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof in Berlin etwa. Das Berliner Neue Museum schickt Aigner Bilder bestimmter historischer Ausstellungsstücke zu, denen sie formgleiche Porzellanobjekte nachbildet. Diese werden dann als limitierte Edition samt Zertifikat im Museumsshop verkauft.

Die Idee zu ihrem Projekt war Uli Aigner gekommen, als sie mit ihrem Mann und den vier Kindern vor einigen Jahren nach Berlin übersiedelte. „Ich wollte raus aus der kleinen Projektkultur und einen großen Raum aufmachen“, sagt sie. „Ich habe in München unterrichtet, kuratiert, Kinder groß gezogen. Ich wusste, ich habe keinen Bock mehr auf den Kulturbetrieb.“ Inzwischen kann „Eine Million“ die ganze Familie ernähren. Logistik, Vertrieb, Internet-Dokumentation und Kommunikation nach außen besorgt Aigners Mann, der Filmemacher Michal Kosakowski. „Das Projekt funktioniert nur zu zweit“, sagt Aigner.“Ohne Michal wäre ich die Töpfermutti, die für Freundinnen G ?schirrln macht.“

Jetzt kämen bereits die Interessenten auf sie zu. „Auch das Kunsthandwerk kommt zu mir“, ergänzt sie. „Aber die können das nicht dechiffrieren, das ist eine andere Kommunikationsebene.“ Sie versuche mit ihren Objekten eine Linie zu ziehen, radiere etwas aus, um eine neue Geschichte zu erzählen. Darum seien alle Gefäße weiß. Als Material verwendet sie Limoges-Porzellan, für Keramik die „beste Qualität mit 500 Jahren Garantie“, wie sie sagt. Das Produzierte bleibt nach der Bearbeitung entweder unbehandelt oder erhält eine hauchdünne Glasur.

Ihrer neuen Lebensaufgabe ordnet Aigner derzeit die gesamte kreative Arbeit unter. Vor kurzem hat sie mit dem Malen begonnen. Am 11. August wird Aigner für drei Wochen nach China reisen und dort eine 2,25 mal 1,25 Meter große Porzellan-Vase zu bemalen. Die Vase wurde nach ihren Vorgaben in Jingdezhen, Herkunftsort des Keramik-Rohstoffs Kaolin, fabriziert. Sie soll ein Mahnmal für Depression und Suizid werden. Die Zeichnung des Motivs ist bereits fertig.

Je länger sie sich in Deutschland aufhalte, umso mehr spüre sie ihre Wiener Prägung, sagt die Künstlerin. Sie hatte an der Akademie für Angewandte Kunst Produktdesign studiert und mit Peter Weibel gearbeitet. Bald kam ihre Arbeit mit den neuen Medien in Kontakt: In den 80er-Jahren arbeitete sie an der ersten Workstation in Österreich. Im April 2018 wird sich ein Kreis für Aigner schließen, wenn sie im Semperdepot in Wien ausstellt.

„Eine Million sagt schon viel aus: Ich will steinalt werden“, meint Uli Aigner zu ihrem Projekt. 30 Jahre lang müsste sie in einer Fünf-Tage-Woche täglich 195 Gefäße produzieren, hat sie einmal ausgerechnet. Um Dialog gehe es ihr bei dieser Arbeit, nicht um das reine Produzieren, sagt die Künstlerin: „Sonst wäre ich eine Manufaktur“.

(S E R V I C E - http://www.eine-million.com )


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