„Tatort“-Debüt von Barbara Eder: „Wollte einen fetten Militäreinsatz“

Wien (APA) - Soldaten, Straßensperren und Schutzanzügen - das passt nicht in das Bild einer idyllischen steirischen Gemeinde. Für Barbara Ed...

Wien (APA) - Soldaten, Straßensperren und Schutzanzügen - das passt nicht in das Bild einer idyllischen steirischen Gemeinde. Für Barbara Eder machte die Aussicht auf Bilder wie diese aber einen großen Teil des Reizes bei ihrem „Tatort“-Debüt aus. Mit der APA sprach die Regisseurin über das etablierte Austro-Ermittlerduo und die Spezifika der TV-Reihe, die mit „Virus“ am 27. August in die neue Saison startet.

APA: Wo wurden Sie sich in etwa zwischen einem „Tatort“-Fan, einer Gelegenheitsseherin und einer „Tatort“-Vermeiderin verorten?

Barbara Eder: Ich bin nicht der Typ, der mittwittert und mitschreibt, während er einen „Tatort“ schaut. Das bin ich nicht, aber ich bin ein „Tatort“-Schauer, und das war ich früher auch. Ich drehe aber auch nicht jeden Sonntag auf, weil wir Filmemacher irgendwann auch einmal den Fernseher nicht aufdrehen wollen.

APA: Abseits der etwas angestaubten, aber kultigen Signation: Was sind für Sie die wichtigsten verbindenden Elemente in der Reihe?

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Eder: Das sind ganz klar die Kommissare. Die entwickeln sich ja auch, haben also eine Horizontale. Es gibt immer kleine Veränderungen. Das ist ganz spannend. Darauf muss man in der Regie auch sehr aufpassen und die Vorgeschichte gut kennen. Und Harald (Krassnitzer; Anm.) und Adele (Neuhauser; Anm.) kennen sie wirklich sehr gut. Wenn ich da eine Idee zur Inszenierung hatte, die der Entwicklung zuwider läuft, haben sie „Nein, nein“ gesagt. Sie sind ein Spitzen-Regulativ.

APA: Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen als „Neuling“ mit dem sehr routinierten Ermitterduo darüber hinaus entwickelt?

Eder: Am Anfang war ich wahnsinnig gespannt. Ich kannte sie als Charaktere, nicht aber als Schauspieler. Ich habe die beiden aber vorher getroffen, und ich fand sie nett, lustig und komplett uneitel. Sie waren auch sehr interessiert, das umzusetzen, was im meinem Kopf war. Sie wollten viel Neues ausprobieren und haben wahnsinnig viel geholfen. Ich habe mir zum Beispiel einen fetten militärischen Einsatz gewünscht. Das Budget ist aber beschränkt. Dann brauchte ich die Unterstützung der Bundesheeres, man fragt beim Innenministerium an. Harald hat gesagt: „Hey, ich bin doch in der Politik unterwegs, ich kenne diesen und jenen. Ich ruf einmal an, vielleicht kann er uns helfen.“ Das macht nicht jeder Schauspieler, dass er einen produktionstechnisch unterstützt. Es könnte ihnen auch „wurscht“ sein, ist es ihnen aber nicht. Das war echt cool!

APA: Apropos „fetter Militäreinsatz“: Was hat Sie nach dem Lesen des Drehbuches mehr gereizt, der Fall - also der Krimi an sich - oder die Bilder, die dieses „Austro-Outbreak“ versprochen haben?

Eder: Natürlich das „Austro-Outbreak“! Ich habe viel recherchiert über Ebola. Wie schaut eine Ebola-Station aus? Was sind die Symptome? Man schaut die Bilder, die Farben - den „Look“ - an. Da haben oft grün oder orange dominiert, also giftige Farben. Wir mussten ja in Österreich eine afrikanische Ebola-Station bauen. Ich habe mir gedacht, wie aufregend ist das: Bilder, die man aus den Nachrichten kennt, in einem Super-Kontrast, in ein steirisches Dorf zu holen. Das hat mich wahnsinnig fasziniert - das Skurrile, das Schräge. Wie geht ein Polizist damit um, wenn er Menschen befragt, die vielleicht Ebola haben? Wie inszeniere ich das, wie stellt sich der hin? Wie funktionieren die Figuren, vor allem in einem so abgekapselten Raum?

APA: War es eine bewusste Entscheidung, dieses doch sehr ernste Bedrohungsszenario mit teilweise grotesken Charakteren zu brechen?

Eder: Ja, das war es. Der Gedanke war: Es bricht ein tödlicher Virus in einem Dorf aus, keiner kann mehr hinaus. Vielleicht heiratet da aber gerade jemand, und alles ist beim Teufel. Ich habe mich lange damit beschäftigt, habe mit Dekontaminierungseinheiten gesprochen, manches natürlich auch filmisch umgemodelt. Ich habe mir aber auch viele einschlägige Hollywoodfilme angeschaut. Dort ist alles immer grau und Action dominieren. Wir sind aber in einer lieblichen, dörflichen Umgebung. Das finde ich herrlich, und dafür danke ich (Drehbuchautor; Anm.) Rupert Henning.

APA: Mit diesem Szenario wird ja stellenweise recht österreichisch humorig, hemdsärmelig umgegangen. Wie viel davon ist vor Ort entstanden?

Eder: Manches ist improvisiert. Manche Schauspieler lasse ich auch sehr gerne improvisieren. Es ist viel entstanden, weil auch die Schauspieler ein Stück hineingekippt sind. Aber das meiste ist natürlich so von Rupert Henning geschrieben. Er liebt das Spiel mit Hierarchien innerhalb eines Dorfes oder innerhalb eines Problems, mit Typen mit verschiedener politischer Färbung, mit Bürokraten und Querdenkern.

APA: Angesichts der schweren Themen rund um Flucht, Integration und Bedrohung durch eine Krankheit: Wie sehr mussten Sie darauf achten den Krimi an sich sozusagen am Leben zu lassen?

Eder: Das ist natürlich schwierig, weil es eben zwei Themen sind, die es zu bedienen gibt: Einerseits die Angst, die ausbricht, und andererseits den Fall. Die Herausforderung war natürlich zu entscheiden, was jetzt wichtiger ist und was vielleicht überhandnimmt. Es ist einfach eine Frage der Spannungsbögen: Wenn man jetzt dranbleibt, weil es so schräg ist, dass dort Ebola ausbricht, dann muss möglichst bald wieder der Fokus auf den Fall. Es ist einfach auch ein sehr ungewöhnliches Buch, weil es nicht nur um einen Krimi sondern um so viel mehr geht.

APA: Ein „Tatort“-Spezifikum ist auch das quasi garantierte Millionenpublikum. Haben sie bei ihrem nunmehrigen Debüt oft an diese Aufmerksamkeit gedacht?

Eder: Man weiß, dass das viele Leute anschauen. Ich hatte das Gefühl: Jetzt musst du dich aber anstrengen, Barbara. Das mache ich natürlich bei jedem Film. Ich gebe mein Bestes und stecke alles hinein. Natürlich war auch ein wenig Respekt da. Beim Drehen ist dann aber so und so nie alles perfekt. Du bist im Arbeiten drinnen, und ich dachte dann nicht: Oh mein Gott, das sehen so viele Leute! Vorher waren diese Gedanken aber schon da. Ich hoffe jedenfalls, dass viele aufdrehen. Ich glaube aber nicht, dass das eine „gmahde Wiesn“ ist.

APA: Unter den „Tatort“-Ermittlern findet man ja mittlerweile viele Frauen. Der Anteil bei Drehbuch oder Regie ist sicher geringer. Sehen Sie sich ein wenig als Pionierin?

Eder: Ich hoffe, dass man mich vor allem wegen meiner Leistung nimmt und nicht weil ich eine Frau bin. Klar sind zu wenig Frauen dabei. Das ändert sich aber hoffentlich und ich habe da ein gutes Gefühl. Ich wünsche mir irgendwann eine Zeit, wo das kein Thema mehr ist.

APA: Wird es einen weiteren „Tatort“ mit Ihnen an Bord geben?

Eder: Ja, ich mache nämlich gerne „Tatort“. Es wird einem als Regisseurin dabei auch nicht fad. Der Hauptcast ist mit Bedacht geschrieben. Da gibt es immer eine Weiterentwicklung. Krimi ist super und ich bin Krimi-Regisseurin, absolut.

(Das Gespräch führte Nikolaus Täuber/APA)

(B I L D A V I S O - Die APA hat am 1. Februar Fotos von Barbara Eder über den AOM verbreitet.)

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