'Löscht den Scheiß': Hasspostings vor Twitter-Zentrale gesprüht

“Wenn Twitter mich zwingt, diese Dinge zu sehen, dann müssen sie es auch zu sehen bekommen“, sagt der deutsch-israelische Satiriker Shahak Shapira. Er hat vergangene Woche 30 menschenverachtende Tweets auf den Bordstein vor der deutschen Zentrale von Twitter gesprüht.

© Screenshot/YouTube/Shapira

Innsbruck, Hamburg - "Schwule raus nach Auschwitz", "Retweete, wenn du Muslime hasst", "Hängen so ein Dreckspack" oder "Lass mal wieder zusammen Juden vergasen... Die Zeiten damals waren schön" - diese und 26 weitere menschenverachtende, homophobe und den Holocaust leugnende Nachrichten waren vergangene Woche auf den Bordstein vor die Deutschland-Zentrale von Twitter im Hamburger Stadtteil Altona gesprüht worden.

Dazwischen, in großen blauen Lettern, die Botschaft "Ey Twitter, löscht den Scheiß!" Lange war unklar, wer hinter der Aktion steckt. Am Montag hat sich nun der deutsch-israelische Schriftsteller und Satiriker Shahak Shapira dazu bekannt. In einem Video erklärt er die Hintergründe.

"Dinge, die niemand sagen und lesen sollte"

In den vergangenen sechs Monaten habe er rund 450 Hasskommentare auf Facebook und Twitter gemeldet. "Die Aussagen, die ich gemeldet habe, waren keine Beleidigungen oder satirische Aussagen, sondern absolut ernst gemeinte Gewaltandrohungen. Dinge, die niemand sagen und lesen sollte."

Von Facebook, wo er 150 Kommentare gemeldet haben will, seien 80 Prozent Prozent der beanstandeten Beiträge entfernt worden. "Meist innerhalb von einem bis drei Tagen." Auf die 300 gemeldeten Tweets habe Shapira in sechs Monaten nur neun Antworten erhalten, die "alle lauteten, dass kein Verstoß gegen die Twitter-Regeln vorliegt. Das war es, auf die restlichen gab es keine Reaktion."

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Nicht sein erster "Streich": Shapira und der "Yolocaust"

Bereits im Januar diesen Jahres hatte Shahak Shapira mit einer gesellschaftskritischen Aktion auf sich aufmerksam gemacht. Beim Projekt "Yolocaust" hatte er der Generation Selfie den Spiegel vorgehalten. Er unterlegte in den sozialen Medien gepostete Bilder vom Berliner Holocaust-Mahnmal mit historischen Fotos aus KZs. Mehr dazu hier: http://bit.ly/2k7q1jr

Zwar habe er im Laufe der Zeit gemerkt, dass einige der gemeldeten Tweets gelöscht worden seien, aber benachrichtigt habe man ihn darüber nicht. "Das heißt, es ist nicht möglich für mich zu sagen, was aus diesen Meldungen geworden ist", beanstandet der Satiriker. "Wenn Twitter mich zwingt, diese Dinge zu sehen, dann müssen sie es auch zu sehen bekommen."

"Die Tweets sehen, die ihre Firma so gerne ignoriert"

Deshalb habe er Schablonen gebastelt und sei von Berlin, seiner Heimatstadt, nach Hamburg gefahren, um die hasserfüllten Tweets vor das Büro des Tech-Konzerns zu sprühen. In dem Wissen, dass die Mitarbeiter von Twitter, " wenn sie morgen Früh ins Büro kommen, all die wunderschönen Tweets sehen müssen, die ihre Firma so gerne ignoriert."

Am Anfang und am Ende des Videos kommen jeweils Passanten zu Wort. "Mich ärgert es, dass sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft sich nicht darüber aufregt, sondern das einfach hinnimmt", sagt ein Mann, der von sich selbst angibt für eine Beratungsstelle für Roma und Sinti zu arbeiten und selbst oft mit "rechtsradikalem Mist" konfrontiert werde.

Denkanstöße und die "eigene Haustüre"

Auch wenn er wisse, dass eine zu besprühende Fläche niemals so groß sein könne um zu visualisieren wie viele Hasspostings es auf Twitter gebe, resümiert Shapira, so hoffe er dennoch, dass "wir mindestens einen kleinen Denkanstoß geben konnten."

Die Tatsache, dass der Reinigungsdienst zwar die Botschaften auf dem Gehsteig direkt vor der Eingangstür, nicht aber alle anderen entfernt hat, kommentiert es süffisant: "Irgendwie passt es zur Unternehmenspolitik: Schön vor der eigenen Haustüre kehren, um den Rest sollen sich die anderen kümmern." (bfk)


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