Wenn Zufriedenheit zur Falle wird

Vor einem Jahr wurde die Osttiroler Entwicklungsagentur Innos aus der Taufe gehoben. Geschäftsführer Richard Piock sprach mit der TT über Risikobereitschaft, Knödelfabriken und den Neidfaktor im Bezirk.

© Oblasser

Lienz — Im Juli 2016 wurde in Lienz die Entwicklungsagentur Innos GmbH gegründet. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Osttiroler Wirtschaft zu stärken, die Arbeitslosigkeit zu senken und eine höhere Wertschöpfung zu erreichen. Die Gesellschaft tritt nicht als Projektbetreiber oder Investor auf, sondern sieht sich als Begleiter, Berater und Mutmacher für die Wirtschaft. Die größten Gesellschafter sind das Land Tirol (35 Prozent), die Osttirol Investment GmbH (15) und die Wirtschaftskammer (10). Elf weitere Unternehmen sind vertreten. Geschäftsführer Richard Piock zieht im TT-Interview Bilanz.

Was hat sich im ersten Arbeitsjahr der Innos getan? Was hat gut geklappt, was weniger gut?

Richard Piock: Wir haben versucht, den Status quo der Osttiroler Wirtschaft zu erfassen. Wir haben versucht, neue Betriebe anzusiedeln und bestehende Firmen bei Expansionen zu beraten. Im Grunde gelingt das, aber es dauert viel länger als gedacht.

Woran liegt das?

Piock: Es gibt ein viel größeres Beharrungsvermögen, als ich das etwa aus Südtirol kenne. Dort ist alles dynamischer, allerdings ist es auch leichter, Geld zu bekommen. In Osttirol bemüht man sich in erster Linie um Förderungen, und das dauert. So lange geschieht nichts. Außerdem sind die Osttiroler oft mit dem Status quo zufrieden. Es gibt Firmen, die tolle Ideen haben. Wenn ich dem Chef dann schildere, wie sich das in größerem Rahmen wirtschaftlich nutzen ließe, sagt er mir: Warum soll ich mir das antun? Es läuft doch auch so alles gut.

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Sie haben Firmen mit tollen Ideen erwähnt. Gibt es viele davon in Osttirol?

Piock: Die Osttiroler sind kreativ. Wo es hakt, das ist im Marketing und im Vertrieb. Viele kleinere Betriebe sind sehr innovativ, haben aber keine richtige Marketingstrategie und es hapert an der Distribution. Auch langfristige Unternehmensstrategien fehlen oft. An der Erstellung von solchen Strategien arbeiten wir gerade mit zwölf Firmen. Da werden Patente und Forschungsförderungs-Ansuchen eingereicht. Zusätzlich sind fünf Innovationsassistenten in Osttiroler Unternehmen tätig. Und es gibt elf Projekte mit Partnern, darunter eine E-Bike-Ladestation gemeinsam mit einem deutschen Unternehmen.

Abgesehen vom Innovationsgeist, wie würden Sie die Osttiroler sonst noch beschreiben? Ihre Stärken, ihre Schwächen?

Piock: Seit 2007 pendle ich zwischen Lienz und Bruneck. In dieser Zeit habe ich viele Eindrücke gewonnen. Die Osttiroler sind für mich freundlich, hilfsbereit, flexibel, kreativ und haben eine wunderschöne Natur. Allerdings fehlt es aus meiner Sicht oft an Kooperationsbereitschaft. Das machte sich zum Beispiel beim Zusammenschluss von Handwerkern zu einem gemeinsamen Auftritt bemerkbar. Es gibt den Drang, dem anderen nichts zu ,vergönnen', und einen gewissen Neidfaktor.

Eines der Innos-Ziele ist auch die Ansiedelung neuer Unternehmen. Wie steht es damit?

Piock: Mit Anfang Mai hat eine italienische Firma, die sich mit Effektiven Mikroorganismen beschäftigt, den Betrieb in Hopfgarten aufgenommen. Noch heuer soll sich ein italienisches Unternehmen der chemischen Industrie in der Pustertalfurche niederlassen und fünf Jobs schaffen. Für 2018 hat sich ein Südtiroler Metallbetrieb mit bis zu 30 neuen Mitarbeitern für Matrei angekündigt. Ein Südtiroler Betrieb aus der Möbelbranche will sich nächstes Jahr in Lienz niederlassen. Das bringt 15 bis 20 neue Arbeitsplätze. Und in Nikolsdorf will eine Schweizer Firma eine Fischzucht betreiben. Es tut sich also etwas. Was aber mindestens genauso wichtig ist: Dass bestehende Betriebe dynamisch expandieren.

Auf der Innos-Homepage informieren Sie auswärtige Unternehmen über freie Flächen für Ansiedelungen, allerdings nur in 15 der 33 Osttiroler Gemeinden. Was ist der Grund?

Piock: Die Gründe sind einfach. Manche Gemeinden besitzen keine Gewerbeflächen, die sie anbieten könnten. Andere haben auf unsere Anfragen, Flächen mitzuteilen, nicht reagiert. Oder sie wollen sich selbst um die Vergabe kümmern.

Seit einem Jahr gibt es in Lienz die Möglichkeit, ein Mechatronik-Bachelorstudium zu beginnen. Im ersten Jahr gab es gerade einmal sieben Studenten, für das neue Studienjahr sieht es bis dato nicht viel besser aus. Aus Ihrer Sicht: warum?

Piock: Grundsätzlich halte ich das Studium für sehr wichtig für die Osttiroler Betriebe. Und es zeichnet sich im Vergleich zu anderen Unis durch viele Vorteile aus: Die geringe Studentenzahl garantiert eine intensive Betreuung. Wohnen ist in Lienz vergleichsweise billig, es gibt wunderbare Freizeitmöglichkeiten. Und jeder Student hat die Garantie, seine Bachelorarbeit bei einer hiesigen Firma machen zu können. Aber die Bewerbung des Studiums zwischen Bruneck und Spittal ist nicht treffend. Man sollte junge Menschen in städtischen Zonen ansprechen, von Frankfurt über Karlsruhe bis Salzburg, die keine Massenuni wollen.

Was steht für das Arbeitsjahr zwei der Innos GmbH auf dem Programm?

Piock: Unter anderem veranstalten wir im November gemeinsam mit der Austria Business Agency ein Symposium in Vicenza, wo die Region Osttirol präsentiert wird. Und ich plane den Aufbau einer Fabrik, in der Osttiroler Lebensmittel vom Schlipfkrapfen bis zum Knödel hergestellt werden. Das viele saubere Wasser, das es hier gibt, bietet sich dafür an. Finanziert werden soll es über Crowdfunding.

Das Gespräch führte Catharina Oblasser


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