Naturmuseum Bozen: Fieberkurven im Schnee

Die alpine Landschaft zwischen Natur, Künstlichkeit und Klimawandel.

Philipp Messner und Walter Niedermayr ließen Schneekanonen gefärbten Schnee erzeugen: Kunstschnee 10/2014
© Philipp Messner, Walter Niederma

Von Ivona Jelcic

Bozen –„Die Gletscher warten nicht auf politische Entscheidungen“, lautet die unmissverständliche Botschaft von Wilfried Haeberli, emeritierter Professor am Geographischen Institut der Universität Zürich. Und: „Die Wissenschaft muss die Frage beantworten, was auf uns zukommt. Die Frage, was wir tun können oder müssen, muss sie zusammen mit der Öffentlichkeit und den Entscheidungsträgern angehen.“

Das Gemeinsame, Fachübergreifende steht jetzt auch in der Ausstellung „Snow Future“ im Naturmuseum Bozen, aus deren Begleitkatalog Haeberlis Bemerkungen stammen, im Zentrum. Es handelt sich hier um den Dialog von Naturwissenschaft und Kunst über „Die Alpen – Perspektiven einer Sehnsuchtslandschaft“.

Eine Lektion über die Zukunft des Schnees also – mitten in der schönsten Sommerzeit? Das mag nicht zu den Wohlfühltemperaturen passen. Und ist doch gerade richtig angesetzt. Denn es sind ja vor allem die Sommermonate, in denen die Narben in der alpinen Landschaft sichtbar werden, die der winterliche Skizirkus hinterlassen hat.

Walter Niedermayr fotografiert sie seit Jahren – nüchtern, analytisch, nicht urteilend, aber auch nicht „nur“ als Dokumentarist. In den großformatigen, mehrteiligen Arbeiten des Fotokünstlers tritt die Veränderung der Landschaft und das in sie eingemeißelte, zwiespältige Verhältnis des Menschen zur Natur hervor. In ihrer reduzierten Farbigkeit wirken Niedermayrs Bilder fast durchscheinend, sie zeigen artifizielle Überformung genauso wie künstliche Renaturierung, die, wie in „Orcières“ in den französischen Alpen, erfolglos bleibt: Das hier im Hochgebirge zwecks Kaschierung der Skitourismus-Wunden gesäte Gras stammt aus Tallagen, es wird hier nicht lange halten, die ersten Hänge sind schon wieder erodiert. „Gletscher sind wie Seismographen“, sagt Niedermayr, manche vor Jahren auf Gletschern entstandene Arbeiten wären heute in dieser Form gar nicht mehr möglich.

Die Ausstellung „Snow Future“ wurde vergangenes Jahr für die Münchner Eres-Stiftung realisiert. In Bozen geht sie nun eine Allianz mit der wissenschaftlichen Erforschung der Gletscher und der Schnee-Zukunft, mit den Messgeräten, Temperaturfühlern, Fakten und Funden, die das Naturmuseum beisteuert, eine schöne Allianz ein. Zentral bleibt auch hier ein Gemeinschaftsprojekt von Niedermayr und dem ebenfalls aus Bozen stammenden Künstler Philipp Messner. Für „Kunstschnee“ ließen die beiden Schneekanonen gefärbten Schnee erzeugen, der sich nun so frappant von der Piste abhebt, als wäre die Künstlichkeit zuvor ein Geheimnis gewesen, als würde der Erlebnispark Alpen endlich Farbe bekennen.

Evident ist beim Blick in die Kunstgeschichte auch die künstlerische Mythisierung der Bergwelt – der der deutsche Maler Hansjörg Dobliar mit seiner Serie „Sonic Mountain“ entgegentritt. An den Alpen als eine mit reichlich Pathos aufgeladene Sehnsuchtslandschaft ändert das freilich wenig. Aber wie werden die (touristischen) Sehnsüchte in Zukunft gestillt werden können? Ende Mai fand in Bozen ein Symposium statt, in dessen Rahmen der Klimawandel und seine gesellschaftlichen Implikationen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und diskutiert wurden.

Es gibt zum Thema auch allerlei Rechenbeispiele, etwa: Der Energiebedarf für Schneekanonen im gesamten Alpenraum würde für 190.000 4-Personen-Haushalte pro Jahr reichen. Die jüngsten Ausformungen alpiner Massen­eventbeglückung sind aber auch recht vielsagend: Niedermayr fängt sie mit ironischem Blick im Video „GoPro“ ein.

Naturmuseum Südtirol, Bozen, bis 17. September.


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