Experten: Zur vollwertigen Atommacht fehlt Nordkorea noch viel

Washington/Pjöngjang (APA/AFP) - Nach einem Bericht der „Washington Post“ hat die Demokratische Volksrepublik Nordkorea einen Atomsprengkopf...

Washington/Pjöngjang (APA/AFP) - Nach einem Bericht der „Washington Post“ hat die Demokratische Volksrepublik Nordkorea einen Atomsprengkopf entwickelt, der klein genug für den Einsatz in seinen Interkontinentalraketen (ICBM) ist.

In der Zeitung heißt es unter Berufung auf eine Analyse des US-Militärgeheimdiensts DIA vom Juli, die nordkoreanische Atomtechnologie sei wesentlich schneller vorangeschritten als erwartet. Zur vollwertigen Atommacht fehle Pjöngjang jedoch noch viel.

WIE STEHT ES UM NORDKOREAS ATOMWAFFENFÄHIGKEIT?

Die nordkoreanische Führung testete nach eigenen Angaben bisher fünf Atombomben. US-Experten schätzten die Sprengkraft des jüngsten Tests vom 9. September 2016 auf 20 bis 30 Kilotonnen. Das wäre in etwa die Sprengkraft der von den USA am 9. August 1945 auf die japanische Stadt Nagasaki abgeworfenen Atombombe, durch die zehntausende Menschen getötet wurden.

Anfang Juli dieses Jahres vermeldete das nordkoreanische Staatsfernsehen erstmals den Test einer Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-14. Experten schätzen, dass die Rakete eine potenzielle Reichweite von 6700 Kilometern hat und damit theoretisch den US-Bundesstaat Alaska erreichen könnte. Als Interkontinentalraketen gelten Raketen mit einer Reichweite von mehr als 5500 Kilometern.

Zum zweiten und bisher letzten nordkoreanischen ICBM-Test am 28. Juli verkündete Pjöngjang, die dabei verwendete Rakete könne das „gesamte US-Festland“ erreichen. Bei dem Geschoss mit einer theoretischen Reichweite von 10.000 Kilometern soll es sich um eine verbesserte Version des Typs Hwasong-14 gehandelt haben.

BEDEUTET DAS PROGRM EINE UNMITTELBARE BEDROHUNG?

Fraglich ist, ob der jetzt offenbar von Nordkorea entwickelte Atomsprengkopf den Wiedereintritt einer Interkontinental-Trägerrakete in die Erdatmosphäre bei einer Geschwindigkeit von 25.800 Kilometer pro Stunde überstehen würde. Bei Lang- oder Mittelstreckenraketen mit geringeren Geschwindigkeiten wäre das nach Dafürhalten von Fachleuten mit dem derzeitigen atomaren Sprengkopf aber möglich.

Die Wissenschafter verweisen auch darauf, dass die von Nordkorea am 28. Juli gestartete Interkontinentalrakete nach etwa tausend Kilometern zwischen Japan und der koreanischen Halbinsel ins Meer stürzte. Laut Michael Elleman vom Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) in London zerbrach die Rakete dabei in Stücke.

Siegfried Hecker, Atomwaffenexperte an der kalifornischen Stanford-Universität, bezweifelt, dass Nordkoreas bisherige Erfahrungen mit Raketen- und Atomtests ausreichten, um einen für Interkontinentalraketen „ausreichend kleinen, leichten und robusten Atomsprengkopf“ zu entwickeln. Seiner Meinung nach könnten dafür weitere fünf Jahre benötigt werden.

Hecker zufolge ist Pjöngjangs Atomwaffenprogramm stark eingeschränkt, weil es nur über wenig Uran und Plutonium verfüge. Gerade Plutonium benötige Nordkorea aber für seine Interkontinentalraketen.

Der Wissenschafter, der mehrfach in Nordkorea war, hält es für wahrscheinlich, dass Pjöngjangs Reserven der beiden Materialien für 20 bis 30 Atomwaffen reichen. In der „Washington Post“ hieß es dagegen, der Militärgeheimdienst DIA vermute, dass Nordkorea bereits bis zu 60 Atomwaffen habe.


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