“Der Einzige, der dir im Weg steht, bist du selbst!“

Im Winter wechselt Christoph Henle (18) an die Baylor University (nahe Dallas/Texas), ein großer Name im amerikanischen College-Football. Doch der Weg zum Profi ist für den Tiroler noch ein langer

1,99 m groß und 110 kg schwer – für seine Position als Tight End bringt der 18-jährige Innsbrucker College-Footballer Christoph Henle die entsprechenden Voraussetzungen mit
© Julia Hammerle

Ist es Ihnen schwergefallen, vor zwei Jahren den großen Schritt an eine amerikanische Highschool zu machen?

Christoph Henle: Ich war vorher schon oft in Amerika, habe mit meinen Eltern viele Reisen unternommen. Ich habe ungefähr gewusst, was mich erwarten wird. Heimweh hatte ich nie. Meine Eltern haben, seit ich klein war, mit mir immer viel Englisch geredet, die Sprache war für mich also kein Problem. Eher war die Hitze in Texas (40 bis 45 Grad im Sommer, Anm.) ein Schock für mich.

In Europa kennt man Highschool und College vor allem aus Hollywood-Filmen. Dort sind die Footballer stets die Stars der Schule und feiern große Partys. Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gemacht?

Henle: Vor allem in Texas sind die Footballer in der Gesellschaft sehr angesehen. Partys an der Highschool sind eher ein Hollywood-Klischee, als Footballer hast du zudem eine Vorbildrolle. Die Coaches sagen uns immer, unsere Standards müssen höher sein als die von allen anderen. Man kann sich nicht einfach idiotisch aufführen, denn man repräsentiert die eigene Schule oder Universität. Wenn du etwas Dummes tust, fällt das auf die Gemeinschaft zurück.

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Wie gefällt Ihnen die amerikanische Lebensart?

Henle: Ich finde es richtig cool, einfach die ganze Einstellung der Amerikaner. Das ist auch meine Einstellung: Was auch immer du erreichen willst — der Einzige, der dir im Weg steht, bist du selbst. Wenn du hart genug arbeitest, wirst du es irgendwann schaffen. Mir kommt vor, dass ich als Kind schon immer ein Amerikaner war, von meiner Einstellung her und wie ich über das Leben gedacht habe.

Wie oft kommen Sie noch in die Heimat?

Henle: Ich bin leider selten in Tirol. Football ist extrem zeitaufwändig. Man muss dauernd trainieren, um in Form zu bleiben. Ich bin ja nicht der Einzige, der im Football gut sein will. Wenn man einen Monat herüberkommt und auf der faulen Haut liegt, kann dir inzwischen ein anderer drüben den Rang ablaufen. Auch Urlaub gibt es für mich nicht. Ein Wochenende kann man schon mal irgendwohin fahren, aber Football ist ein richtig krasser Wettbewerb. Wenn einer wegfällt, kommt sofort der Nächste, und du willst nicht der sein, der ausfällt.

Sehen Sie Ihre alten Raiders-Kollegen noch ab und zu?

Henle: Auf jeden Fall. Es gibt ja den Spruch: Einmal Raider, immer ein Raider. Wenn man einmal mit Leuten so lange Football gespielt hat, entsteht da auf jeden Fall eine starke Verbindung. Die „Young Guns" der Raiders waren schon immer gute Freunde von mir.

Wie war die Umstellung in sportlicher Hinsicht für Sie?

Henle: Ich finde, dass die Raiders im Nachwuchs einen wirklich tollen Job machen und die Kinder und Jugendlichen auf einem hohen Niveau ausbilden. Da habe ich Glück gehabt, in Europa findet man nicht oft so eine gute Ausbildung. Allerdings bedeutet Football in den USA ein ganz anderes Level als in Europa. Man braucht ein Jahr, um sich daran zu gewöhnen, um dann auch ganz oben mitspielen zu können. Man kommt als Europäer rein, der schon ganz gut spielen kann, aber ist noch nicht ganz so schnell und nicht ganz so stark wie die Amerikaner. Es sind vor allem körperliche Unterschiede.

Sie haben sich an der Highschool mittlerweile etabliert und gehen bald auf ein gutes College. Wie weit sehen Sie sich selbst auf dem Weg in die NFL?

Henle: Nur weil man an ein College kommt, bedeutet das noch gar nichts; du musst dich wie in der Highschool erst einmal etablieren. Man muss erst einmal Starter werden, muss sich gegen die Konkurrenz im eigenen Team und dann gegen die anderen Teams durchsetzen. Die NFL ist auf jeden Fall mein großer Traum. Bis dahin ist es noch ein weiter und harter Weg. Es ist nichts garantiert. Aus Tausenden Collegespielern werden jedes Jahr nur 250 gedraftet.

Wieso haben Sie sich gerade für die Baylor University entschieden?

Henle: Die Baylor University hat einen sehr guten Namen. Zum Beispiel war Robert Griffin III (NFL-Quarterback, Anm.) in Baylor. In den letzten Jahren brachte die Universität zehn Offensivleute in die NFL. Baylor gehört zu den Power-Five-Conferences, das sind die fünf besten College-Conferences. Sie sind fast jedes Jahr in den Top 15 mit dabei. Wenn man sich da durchsetzt, hat man auf jeden Fall eine gute Chance, in die NFL zu kommen.

Wie viel Zeit investieren Sie in das tägliche Football-Training?

Henle: Unter der Saison haben wir von Montag bis Donnerstag jeden Tag Training. Am Freitag ist Spiel, am Samstag Analyse und wieder Training. Außerdem beginnt jeder Tag um sechs Uhr in der Früh mit Krafttraining. Es ist sehr anstrengend, Football ist ein Fulltime-Job. Mein Leben besteht aus Football und Schule und dazu ein kleines bisschen Freizeit.

Sie bekommen von der Baylor University ein Stipendium. Wie kann man sich das vorstellen?

Henle: Die NCAA (National Collegiate Athletic Association; Verband, der den College-Football organisiert, Anm.) gibt einem fünf Jahre, um vier Jahre zu spielen. Das heißt, wenn ich mich verletze, habe ich ein Jahr Zeit, um wieder fit zu werden. Über diese fünf Jahre läuft mein Stipendium, und bis dahin ist alles bezahlt, sprich: Studiengebühr, Zimmer, Essen, Bücher, Nachhilfe, Football-Ausrüstung usw. Insgesamt kostet das rund 56.000 Dollar im Jahr.

Vorausgesetzt, Sie schaffen es in den Draft: Bei welchem Team würden Sie am liebsten spielen?

Henle: Gedraftet zu werden, ist mein großes Ziel. Und auch wenn die Washington Red­skins meine Lieblingsmannschaft sind: Es wäre mir egal, bei welchem Team ich spiele, Hauptsache in der NFL.

Das Gespräch führte Alois Moser


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