Die schmerzvolle Geburt Indiens und Pakistans

Neu-Delhi/Islamabad (APA) - Indien und Pakistan begehen in der kommenden Woche den 70. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit und feiern das Ende de...

Neu-Delhi/Islamabad (APA) - Indien und Pakistan begehen in der kommenden Woche den 70. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit und feiern das Ende der britischen Kolonialherrschaft. Seit ihrer Gründung sind die Beziehungen zwischen den beiden Atommächten aber von Spannungen geprägt.

Das Ende der britischen Herrschaft über Indien war für die Väter der Unabhängigkeitsbewegung Triumph und Tragödie zugleich: Verbunden mit der Befreiung war eine von blutigen Konflikten begleitete Teilung des Subkontinents in einen mehrheitlich von Hindus bewohnten und in einen muslimischen Staat: Es entstanden Indien und Pakistan (von letzterem spaltete sich mit indischer Hilfe 1971 Bangladesch ab). Millionen Menschen wurden im Zuge der Teilung getötet oder vertrieben. Schmerzvolles Erbe dieser Trennung ist unter anderem der Kaschmir-Konflikt.

Den indischen Unabhängigkeitskämpfern schwebte ein Staat nach dem Muster der europäischen Aufklärung vor. Indien sollte eine weltlich, demokratisch und republikanisch ausgerichtete Nation mit einer zentralistisch gelenkten Wirtschaft werden. Die religiösen und ethnischen Gegensätze sollten ebenso in den Hintergrund treten wie die Ungleichheiten durch das Kastensystem. Doch schon bald kollidierten diese Ideale mit der Wirklichkeit.

Als sich während des Zweiten Weltkriegs das nahende Ende der britischen Herrschaft über Indien abzeichnete, drängte der Führer der Muslim-Liga, Mohamad Ali Jinnah, auf eine Teilung des Landes nach der Unabhängigkeit. Grundlage seiner Forderung war seine Zwei-Nationen-Theorie, nach der die Muslime keine Minderheit in Indien sind, sondern eine eigene Nation, die Anspruch auf einen autonomen Staat hat.

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Lord Mountbatten, der letzte britische Vizekönig, setzte sich angesichts blutiger Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen im Sinne Jinnahs für eine rasche Lösung ein. Auch die Führung des indischen Nationalkongresses stimmte gegen den Willen des Führers der Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, den Teilungsplänen zu. Diese wurden am 11. Juni 1947 vom britischen Parlament im „Independence of India Act“ gebilligt. Am 15. August 1947 wurden die Dominien Indien und Pakistan geschaffen. Weil er sich angeblich zu nachgiebig gegenüber den Muslimen gezeigt hatte, wurde Gandhi am 30. Jänner 1948 von einem Hindu-Fanatiker erschossen.

In Pakistan bedauert im Gegensatz zu Indien kaum jemand die Teilung, die zu mehreren Kriegen zwischen den beiden Staaten geführt hat. Die Muslime hätten unter einer doppelten Kolonialherrschaft gelitten, von Briten und Hindus, heißt es in Pakistan. So habe es etwa sogar getrennte Wasserstellen für Muslime und Hindus gegeben. Ein Muslim konnte einen Aufruhr erzeugen, wenn er einen Hindu-Wasserhahn auch nur berührte.

Die Ideale des bereits 1948 verstorbenen pakistanischen Staatsgründers Jinnah wurden jedoch in dem neuen muslimischen Staat kaum verwirklicht. Während der charismatische Jawaharlal Nehru Indien bis 1964 führte und nach seinem Tod eine relativ gefestigte Demokratie zurückließ, wurde Pakistan jahrzehntelang vom Militär regiert - seit dem Putsch 1999 von General Pervez Musharraf. Zudem wird Pakistan ständig von Gewalt und Wirtschaftskrisen sowie radikalen religiösen Gruppen bedroht.

Doch auch Indien kann sich nicht rühmen, die Ideale der Gründerväter völlig verwirklicht zu haben. So hat die Handhabung des Konflikts um das mehrheitlich von Muslimen bewohnte Kaschmir weltweite Kritik heraufbeschworen. Gegen den Willen der muslimischen Mehrheitsbevölkerung hatte der letzte Maharaja von Kaschmir, Hari Singh, 1947 den Beitritt seines Fürstentums zur Indischen Union verfügt. Eine von der UNO verlangte Volksabstimmung über die Zugehörigkeit Kaschmirs lehnte Indien ab und führte mehrere Kriege mit Pakistan um das heute geteilte Gebiet.

Wie ein Damoklesschwert hängt über dem indisch-pakistanischen Dauerkonflikt um Kaschmir die Atombewaffnung, über die beide Länder seit spätestens 1998 verfügen. Zwar bemühen sich die beiden Länder immer wieder um Annäherung, so wurde beispielsweise 2004 vereinbart, sich gegenseitig im Voraus über geplante Raketentests zu informieren. Das Verhältnis zwischen Islamabad und Neu-Delhi ist aber weiterhin von tiefem Misstrauen geprägt. So wirft Indien Pakistan seit Jahrzehnten vor, terroristische Anschläge in Kaschmir, aber beispielsweise auch jene in Mumbai 2008 mit rund 175 Toten, zu unterstützen.


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