Pakistan - Islamische Atommacht zwischen Demokratie und Diktatur

Islamabad (APA) - Pakistan ist aus den mehrheitlich muslimischen Teilen Britisch-Indiens entstanden, als der indische Subkontinent 1947 in d...

Islamabad (APA) - Pakistan ist aus den mehrheitlich muslimischen Teilen Britisch-Indiens entstanden, als der indische Subkontinent 1947 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Auf Persisch und Urdu bedeutet Pakistan „Land der Reinen“. Choudhary Rahmat Ali verwendete die Bezeichnung jedoch bereits 1933 als Akronym für Punjab, Afghania (das heutige Khyber Pakhtunkhwa), Kaschmir, Indus-Sindh und Belutschistan.

Die Trennung Britisch-Indiens erfolgte ziemlich gewaltsam. Schätzungen zufolge flohen nach der Unabhängigkeit beider Staaten rund zehn Millionen Menschen - Hindus und Sikhs in die Indische Union, Muslime nach Pakistan. Über eine Million Menschen starben bei diesem „Bevölkerungsaustausch“.

Allerdings optierte der Maharadscha von Kaschmir, Hari Singh, ein Sikh, für den Beitritt seines Fürstentums mit muslimischer Mehrheit zur Indischen Union, was den ersten indisch-pakistanischen Krieg zur Folge hatte. Bis heute ist die 1948 gezogene Waffenstillstandslinie die gemeinsame, von beiden Seiten nicht offiziell anerkannte Grenze. 1965 brach erneut ein Krieg um Kaschmir aus, mit Tausenden Opfern auf beiden Seiten. Spannungen gibt es seitdem immer wieder, eine dauerhafte Lösung ist bis dato nicht in Sicht.

Das Staatsgebiet Pakistans bestand zunächst aus Westpakistan, der heutigen Islamischen Republik Pakistan, und Ostpakistan, dem östlichen, überwiegend muslimischen Teil der früheren britisch-indischen Provinz Bengalen, dem heutigen Bangladesh. Die Regierung des neuen Staates residierte zunächst in Karachi, der jetzigen Hauptstadt der Provinz Sindh und größten Stadt Pakistans.

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Als Staatsgründer Pakistans gilt Muhammad Ali Jinnah. Der „Vater der Nation“ war bis zu seinem Tode 1948 auch der erste Generalgouverneur und damit Staatschef des neuen Staates. Der in Großbritannien ausgebildete Lehrer hatte stets von einem moderaten muslimischen Staat geträumt.

Doch bereits 1956 rief Generalgouverneur General Iskander Mirza die erste Islamische Republik der Welt aus, deren erster Staatspräsident er wurde. Zwei Jahre später putschte das Militär zum ersten Mal und errichtete eine Diktatur unter Marschall Ayub Khan (1958 bis 1969), der beschloss nordwestlich von Rawalpindi eine neue Hauptstadt - Islamabad („Wohnsitz des Islam“) - zu gründen.

Nachdem die separatistische Awami-Liga bei den Wahlen im Dezember 1970 fast alle ostpakistanischen Wahlkreise und damit die absolute Mehrheit im gesamtpakistanischen Parlament gewann, erklärte Präsident Muhammad Yahya Khan (1969 - 1971) die Wahl für ungültig. Die Awami-Liga wurde verboten und deren Führer festgenommen. Doch in der Folge kam es zu Ausschreitungen, die im ostpakistanischen Unabhängigkeitskrieg und durch das Einschreiten Indiens aufseiten Ostpakistans im dritten Indisch-Pakistanischen Krieg gipfelten. Im Dezember 1971 erklärte sich schließlich Ostpakistan als Bangladesch für unabhängig.

Aufgrund der Niederlage gegen Indien gab das Militär die Macht ab, und der Großgrundbesitzer Zulfikar Ali Bhutto wurde Staatspräsident. Seine Pakistanische Volkspartei (PPP), eine gemäßigt sozialistisch ausgerichtete Partei, kam mit den Wahlen 1972 an die Macht. Bhutto startete auch das pakistanische Atomprogramm.

1977 putschte jedoch General Zia ul-Haq und errichtete eine zweite Militärdiktatur. Zia ul-Haq ließ Bhutto 1979 hinrichten, führte das islamische Recht ein und sorgte für eine umfassende Islamisierung des gesamten Staatswesens. So wurden in dieser Zeit etwa auch die umstrittenen Blasphemiegesetze eingeführt. Seit 1986 steht auf Beleidigung des Islam, des Koran oder des Propheten Mohammed in Pakistan die Todesstrafe.

In Afghanistan mischte der pakistanische Geheimdienst ISI („Inter-Services Intelligence“) seit dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 entscheidend mit und soll die islamistischen Taliban aufgebaut haben. Auch in Kaschmir wurden militante Gruppierungen gefördert.

Unter Zia ul-Haq begann auch die Karriere des aus einer Industriellenfamilie im Punjab stammenden Nawaz Sharif, später mehrmals Ministerpräsident und mit der nach ihm benannten Muslim-Liga Nawaz (PML-N) der große Gegenspieler der Familie Bhutto. Zia ul-Haq kam 1988 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Die PPP unter Benazir Bhutto, der Tochter des ehemaligen Präsidenten, gewann die Parlamentswahl, doch die von Nawaz Sharif aufgebaute islamische Rechts-Front paralysierte ihre Regierungstätigkeit durch Obstruktion. Bis 1999 wechselten sich Sharif und Bhutto als Regierungschefs ab, bis es dem Militär zu bunt wurde, und General Pervez Musharraf die dritte Militärdiktatur errichtete.

2008 erfolgt die Rückkehr zu Demokratie. Nach den Parlamentswahlen bildeten PPP und PML-N eine Koalition, die jedoch nur gut ein halbes Jahr hielt. Die Präsidentschaftswahlen im August gewann Asif Ali Zardari, der Witwer der ermordeten Ex-Regierungschefin Bhutto. 2013 übergab er als erster Präsident in Pakistan turnusmäßig sein Amt, ohne dass es zu einem Umsturz oder einer Festnahme gekommen wäre.

Von 2013 übernahm wieder einmal Nawaz Sharif das Amt des Ministerpräsidenten. Wegen Korruptionsverdacht wurde Sharif Ende Juli als Premier abgesetzt, das Parlament wählte Ölminister Shahid Khaqan Abbasi zum Übergangspremier. Danach soll er den Weg für die Wahl des jüngeren Bruders von Nawaz Sharif, Shabaz Sharif, freimachen.

Die wirtschaftliche Lage in Pakistan bleibt wegen der grassierenden Korruption weiter schwierig, obwohl in den vergangenen Jahren China viel investierte und Pakistan eine wichtige Rolle in den Plänen Pekings für eine neue Seidenstraße spielt. Auch Saudi-Arabien investierte viel in Pakistan, vornehmlich jedoch in religiöse Schulen, was freilich die Zahl der religiösen Extremisten weiter erhöhte und die religiösen Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten schürte.

In Belutschistan gibt es Unabhängigkeitsbestrebungen, in der Wirtschaftsmetropole Karachi ethnische und religiöse Auseinandersetzungen und in den an der Grenze zu Afghanistan liegenden halbautonomen Stammesgebieten regieren quasi Terroristen. Außerdem gehen in Pakistan 22,6 Millionen Kinder, 44 Prozent der Fünf- bis 16-Jährigen, nicht zur Schule. Zu feiern gibt es also eigentlich nicht viel zum 70. Jahrestag der Staatsgründung, doch immerhin gelten das Justizsystem und die Medien gelten als relativ unabhängig, die Hoffnung stirbt also zuletzt.


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