Indiens Wirtschaft: Kohlebasierte Energieerzeugung wird „erneuerbar“

Neu-Delhi/Jaipur (APA) - Die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens, die Nuklearmacht Indien, bezieht nach wie vor einen großen Teil ihrer Energ...

Neu-Delhi/Jaipur (APA) - Die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens, die Nuklearmacht Indien, bezieht nach wie vor einen großen Teil ihrer Energie aus Kohle, zu rund 60 Prozent. Dem zunehmenden Bedarf der stetig wachsenden Bevölkerung von derzeit 1,3 Milliarden, der boomenden Industrie und dem Gewerbe-Sektor soll nach dem Willen der Regierung von Narendra Modi durch einen Ausbau der erneuerbaren Energie begegnet werden.

Die Pläne sind ambitioniert: Verglichen mit dem Stand Frühjahr 2016 soll die Windkraft bis 2022 um das Doppelte und die Solarenergie um das 15-fache ausgebaut werden. Das Land mit dem drittgrößten Energieverbrauch hinter China und den USA fährt dabei eine seltsam anmutende Strategie: Einerseits Erhöhung der Gewinnung von Strom aus Sonnenenergie, Wind- und - zu einem kleinen Teil - Wasserkraft und Biomasse, andererseits auch eine Erhöhung der Kohleförderung zwecks Verstromung und für die Industrie. Gleichzeitig sollen keine neuen Kohle-basierten Gewinnungskapazitäten mehr gebaut werden. Im März 2017 setzte sich der - ans Netz angeschlossene - Energiemix laut indischer Regierung aus rund 60 Prozent Kohle, 15,9 Prozent erneuerbare Energien, rund 14 Prozent aus großen Wasserkraftwerken, etwa 8 Prozent Gas und der Rest Biomasse, Atomenergie und andere zusammen. Zu letzterem steuern sechs AKW mit 21 Blöcken - sechs weitere Blöcken sollen dazu kommen - nach Zahlen der IAEO rund 3,7 Prozent zur nationalen Energieaufbringung bei.

Das Land setzt in punkto erneuerbare Energie ebenso spektakuläre Zeichen wie auch symbolische: In der Wüste Thar im nordwestlichen Bundesstaat Rajasthan wurde ein riesiges Solarkraftwerk mit rund 400.000 Quadratmeter Kollektorenfläche errichtet. Die bei der Wüstenstadt Jaisalmer errichtete Anlage leistet 50 MW, geliefert wurde sie von der deutschen Firma Schott Solar. Betrieben wird sie von Godawari Green Energy. Im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu - ebenfalls mit einer hohen Anzahl von Sonnenstunden jährlich gesegnet - ist in Kamuthi Mitte 2016 ein von ABB geliefertes Solarkraftwerk mit rund 650 MW inklusive fünf Umspannwerken ans Netz gegangen, das von der Adani Gruppe betrieben wird. Das größte Solarkraftwerk der Welt hilft, wie andere Anlagen dieser Art, den stetig steigenden Bedarf durch Private zu decken und die Umweltbelastung durch andere, fossile Gewinnungsformen zu reduzieren.

Ein wesentlicher Punkt indischer Energiepolitik ist auch die Stabilisierung des Leitungsnetzes durch den Einsatz neuer Transformatoren und Steuerungssystemen. Die Anzahl der Stromausfälle in den vergangenen Jahren ist stark rückläufig, und die Versorgung kleiner Städte hat sich verbessert. Interessanterweise sind im sonnenreichen Indien noch wenig Photovoltaik- und Solarwarmwassergewinnungsanlagen auf Privathäusern zu sehen, was wohl auch eine Kostenfrage ist. Auf ein einheitliches Erscheinungsbild der traditionellen Warmwasserbereitung durch Tanks auf Hausdächern wird in Städten wie Jaisalmer und Jodhpur geachtet - diese müssen in der Altstadt gemäß den vorherrschenden Hausfarben sandbraun bzw. blau sein.

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Die Wüste Thar - wo zahlreiche Solarkraftwerke arbeiten und zusehends Windkrafträder installiert werden - hat jedenfalls ihre Aussehen in vielen Bereichen verändert - wo vor 15 Jahren noch einsame Sanddünen und kümmerliche Buschreihen waren, verlaufen nun Masten und Leitungen kreuz und quer - die an Zahl enorm zunehmenden Klimaanlagen brauchen „Saft“, kein Wunder bei Temperaturen zwischen 35 und fast 50 Grad Celsius im Frühjahr und Sommer.

Die indischen Energie- und Transportgesellschaften vergessen auch nicht auf Aktionen mit Symbolkraft: An zahlreichen Bahnübergängen in Rajasthan werden die Schranken mit Solarpaneelen betreiben. Und in Neu-Delhi wurde im Frühsommer ein - zwar noch von einer Diesellok gezogener - Zug präsentiert, dessen Beleuchtung und Ventilatoren ebenfalls über Solarpaneele gespeist wird.


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