ImPulsTanz - Masilos „Giselle“: Selbstermächtigung aus dem Jenseits

Wien (APA) - Als eines der weltweit meistaufgeführten romantischen Ballette wird „Giselle“ gerne als große Geschichte von Liebe und Vergebun...

Wien (APA) - Als eines der weltweit meistaufgeführten romantischen Ballette wird „Giselle“ gerne als große Geschichte von Liebe und Vergebung erzählt. Nicht so bei Dada Masilo. Die südafrikanische Choreografin und Tänzerin nimmt dem Werk seine verklärende Romantik und den über Jahrhunderte angesetzten Staub. Ihre feurige, fesselnde Neuinterpretation wurde am Mittwoch im Volkstheater frenetisch gefeiert.

„Giselle“ ist der vierte Klassiker, den sich der Jungstar der zeitgenössischen südafrikanischen Tanzszene mit einer ganz eigenen Verschmelzung von klassischem Ballett und afrikanischem Tanz zu eigen macht - nach „Romeo and Juliet“, „Carmen“ und „Swan Lake“. Letztere Arbeit war bereits 2014 bei ImPulsTanz zu erleben, und hat in den vergangenen Tagen bei ihrer Wiederaufnahme für drei ausverkaufte Volkstheater-Abende gesorgt. „That fusion thing“, nennt die 32-Jährige ihr Erfolgsrezept, unterschiedliche Stile und Themen zu verbinden, die auf den ersten Blick so gar nicht zueinander passen. „Das macht es interessanter, bringt mehr Dynamik und bewahrt mich vor Langeweile“, erzählte sie APA-Interview 2014.

Langweilig ist „Giselle“ keine Sekunde, im Gegenteil. Von Beginn an hängt man an den Lippen Masilos und ihrer zehn Tänzer, wenn diese Freuden- oder Klageschreie ausstoßen, an ihren Füßen, die energisch auf den Boden stampfen, an ihren Händen, die bedrohlich ineinander klatschen. Jeder einzelne im Ensemble verfügt über eine ungemeine Präsenz, wechselt scheinbar mühelos zwischen leichtfüßigen Pirouetten, galanten Sprüngen und erdbezogenen, ausdrucksstarken Bewegungen.

Abermals hat Masilo mit dem Künstler William Kentridge zusammengearbeitet, dessen dezente Zeichnungen einer Sumpflandschaft den Hintergrund der schlichten Bühne bilden. Ein regelmäßiger Partner Kentridges, der Komponist Philip Miller, reichert die originale Ballettmusik von Adolphe Adam mit Harfe, Cello und Violine, aber auch mit afrikanischem Gesang und Trommeln an. Sein Score ist fordernd, aber stimmig.

Schon minimale Verzerrungen im Klang zu Beginn, die sich bis zum Ende ins geradezu Ohrenbetäubende steigern, verheißen nichts Gutes. Masilo verortet ihre Geschichte im zeitlosen, ländlichen Afrika. Sie selbst, mit kahlrasiertem Kopf und zierlichem, dennoch ungemein muskulösen Körper eine androgyne Schönheit, ist Giselle, eine eingangs unbekümmerte junge Frau mit Funkeln in den Augen.

Neben Lebensfreude, die sich im unentwegten Streiten, Diskutieren, Flirten und Tanzen ausdrückt, herrscht im Dorf auch Unterdrückung - Reiche schikanieren Arme, Männer betrachten Frauen als Freiwild. Nur schwer kann sich Giselle aus den Armen des forschen Hilarion lösen. Der verheiratete Adelige Albrecht gibt gar vor, Bauer zu sein, um ihr nahe zu kommen. Sie verliebt sich unsterblich, und ist ob des Verrats untröstlich. Als wäre das nicht genug, wird Giselle von der Gemeinde ausgelacht, ihrer Kleider entrissen und gedemütigt und nackt zurückgelassen. Sie verfällt dem Wahn und stirbt. Es ist eine herzzereißende Szene, in der Masilo am Boden zuckt, sich windet, zittert, und man mit erschaudert.

Hier kommen im Original die Wilas aus der slawischen Mythologie ins Spiel - vor der Hochzeit verstorbene Frauen, deren Tanzfreude sie aus ihren Gräbern auferstehen lässt. Masilo aber greift auf die Spiritualität ihrer Heimat zurück: Ihre Wilakönigin Myrtha wird zur Heilerin Sangoma, verkörpert vom herausragenden Tänzer Llewellyn Mnguni, der mit majestätischen Posen und durchdringendem Blick eine geradezu hypnotische Wirkung entfaltet. Sangoma nimmt Giselle in ihre Reihe von Ahnengeistern auf, auch diese verkörpert von Frauen wie auch Männern in blutroten Kostümen, ist doch kein Mensch vor einem gebrochenen Herzen gefeit.

Dieser zweite, von tänzerischen Kampfansagen aus dem Jenseits geprägte Akt ist der Höhepunkt des Abends. Masilos Wilas sind keine erbärmlichen, lieblichen Jungfrauen, sondern verletzte, kämpferische Kreaturen, die erst Hilarion und schließlich Albrecht aufsuchen, einschüchtern, einkesseln, bis sie tot umfallen. Masilos „Giselle“ ist kein zweidimensional gezeichnetes Opfer, sondern eine Frau mit komplexer Gefühlswelt und dunkler Seite. Da ist es nur folgerichtig, dass sie - anders als im Original - nicht vergibt, sondern Vergeltung übt.

Wie schon Masilos Neuinterpretationen davor, ist auch „Giselle“ anders, mutig, herausfordernd, düster und mehr in der Wirklichkeit verankert. Ein einmaliges Tanzerlebnis, das zu Recht mit Jubel und stehenden Ovationen gewürdigt wurde.

(S E R V I C E - Dada Masilo/The Dance Factory: „Giselle“, Musik: Philip Miller, Zeichnungen: William Kentridge, Kostüm: David Hutt von Donker Nag Helder Dag (1. Akt), Songezo Mcilizeli und Nonofo Olekeng of Those Two Lifestyle (2. Akt), Performer u.a. Dada Masilo, Thabani Ntuli, Tshepo Zasekhaya, Llewellyn Mnguni. Weitere Termine: Heute, 10. August, und morgen, 11. August, jeweils um 21 Uhr im Volkstheater. www.impulstanz.com)


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