Motorsport: Von Heuschrecken, Traditionalisten und Fan-Freundschaften

Spielberg (APA) - Zehntausende MotoGP-Fans bevölkern am Wochenende wieder Spielberg und jubeln ihren Idolen zu. Während die Rennfahrer auf d...

Spielberg (APA) - Zehntausende MotoGP-Fans bevölkern am Wochenende wieder Spielberg und jubeln ihren Idolen zu. Während die Rennfahrer auf dem Red Bull Ring ihre Runden drehen, ist der Campingplatz die Spielwiese der Fans. Im Vergleich zu den Anhängern der Formel 1 zeigen sich aber Unterschiede. Die APA - Austria Presse Agentur hat mit zwei Vertretern österreichischer Fanclubs gesprochen.

„Der Formel 1-Fan ist mehr der Traditionalist. Er zehrt von der Vergangenheit des Motorsports, glorifiziert die 70er-Jahre mit den österreichischen Erfolgen und trauert diesen Zeiten auch nach“, beschrieb Robert Wagner, Präsident des Formel 1 Club Austria im APA-Gespräch. Anhänger der Formel 1 würden Statistiken leben und nur selten „Heuschrecken“ sein.

Als „Heuschrecken“ bezeichnete Wagner jene Fans, die heute Formel 1-Anhänger sind, morgen wieder Tennis lieben und dann wieder Fans des Frauenfußballs sind. Der „echte“ Formel 1-Fan habe 40 Jahre Geschichte im Kopf.

Der eingefleischte Formel 1-Fan erkenne deutliche Unterschiede zu den MotoGP-Anhängern. Letztere würden von den Zweikämpfen auf dem Motorrad schwärmen und von der Möglichkeit, dass zwei Runden vor Schluss auch noch der Zehntplatzierte gewinnen kann. Die Moto-GP-Anhänger würden „mehr im Jetzt als in der Vergangenheit“ leben. „Die Geschichte ist ihnen eher wurscht. Da ist es egal, wer vor 20 Jahren gewonnen hat. Sie wollen Schräglagen sehen und die Beherrschung des Motorrads durch den Fahrer“, meinte Wagner.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

Anna-Sophie Müller, Gründerin des inoffiziellen österreichischen Marc Marquez-Fanclubs, nannte als deutlichsten Unterschied den Kontakt zu den Fahrern. Dieser sei bei der MotoGP viel näher, wahre „Fan-Freundschaften“ würden sich daraus ergeben.

Einen möglichen Grund dafür sieht sie in der Nähe der Sportler zum Publikum: „Die Fahrer schlafen im Fahrerlager in den Motorhomes, sind nahe an den Fans und gehen manchmal auch am Abend noch aus und zum Beispiel in ein Bierzelt zu den Fans. Die Formel 1 dagegen ist abgeschottet.“

Auffallend ist, dass viele MotoGP-Fans wahre Entertainer sind. Auch in Spielberg sind die Campingplätze fast schon Kultstätten mit zum Teil höchst aufwändig gestalteten Zeltburgen und originellen Unterhaltungen. Hier geht es nicht nur ums Grillen. Das Motto heißt: Je verrückter, desto besser.

Müller meint, dass es auch unter den MotoGP-Fans traditionsbewusste Anhänger gibt - vor allem jene von Valentino Rossi, der seit Jahrzehnten mitfährt und die größte Fan-Gemeinde hat. Die Fanclub-Gründerin schilderte, dass viele der älteren MotoGP-Fans Rossi zujubeln, viele von ihnen seien selbst mit jungen Jahren Motorrad gefahren und lebten so einen Teil ihrer Jugend aus.

Mit der Rückkehr der Biker ins Murtal habe Müller einen Aufschwung gespürt, es gab viel mehr Zulauf zum Fanclub. Selbst wenn die MotoGP nicht mehr in Spielberg gastieren würde, glaubt sie, dass sich der Sport in der österreichischen Fangemeinde durchsetzen wird: „Weil er sehr spannend ist. Viele Formel 1-Fans werden daher auch sicher noch zu MotoGP-Fans werden. Die Fahrer sind sympathischer und privater als in der Formel 1. Man ist einfach näher dran“, sagte sie.

Eines haben die Fanclubs zumindest gemeinsam: die Rivalität untereinander. Das sei vor allem auch am Campingplatz zu sehen. Da will der Rossi-Fanclub sein Revier klar von dem der Marquez-Anhänger abstecken und umgekehrt genauso, so Müller. Ähnlich sieht das Wagner: Vor allem noch zu Zeiten des Nürburgrings und Michael Schumacher. Da seien die gegnerischen Fans etwa von Damon Hill regelrecht verhöhnt worden. Diese Zeiten seien aber vorbei.

Wagner erkennt unterschiedliche „Fan-Klassen“: Schumi habe vor allem deutsche Fans „magnetisiert“, war aber im Ausland weniger beliebt. Da gab es keinen internationalen Personen-Kult. Anders ist das bei Valentino Rossi. Der Italiener hat Fans auf der ganzen Welt. In der MotoGP „spielt das ‚Nationalistentum‘ nicht so eine große Rolle“, meinte Wagner. Bei der Formel 1 schon. Da sei es klar, dass die Spanier für Fernando Alonso sind.

Der Club-Präsident hält den österreichischen Fan für eine „eigenartige Spezies“: Vor allem deutsche Fahrer würden nur schwer anerkannt. Zu Zeiten von Niki Lauda gab es diese „Reibereien“ zwischen Österreichern und Deutschen noch nicht, denn da gab es keine echte deutsche Konkurrenz.

Laut Wagner, der selbst mit der Formel 1 aufgewachsen ist, werde es bei ihm immer die Formel 1 bleiben. Ähnlich sei das bei den anderen Fans. Die MotoGP wolle er sich einmal ansehen, aber „mein Herz schlägt für die Formel 1 und die Entwicklung der alten Teams im Laufe der Jahre“.


Kommentieren