Wirtschaftskammer: “Uns fehlen die Leute“

Die Schwazer Wirtschaftskammer jubelt über die hohe Zahl an Beschäftigten. Dennoch finden viele Unternehmer nicht genug gut ausgebildete Arbeitskräfte.

© Fankhauser

Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz –Das Stimmungsbarometer schnellt diesen Sommer bei der Wirtschaftskammer in Schwaz nach oben. Die Nächtigungszahlen im Vergleich zum Vorjahr sind deutlich gestiegen. Die Exportentwicklung könne sich sehen lassen und die Kon­sumfreudigkeit mache sich in Tourismus, Handel und Gewerbe bemerkbar. Gedämpft wird die Jubelstimmung in der Kammer jedoch von der Arbeitskräftesituation in allen Branchen.

„Wir hatten noch nie einen solchen Höchststand an Beschäftigten im Bezirk. Das Arbeitsmarktservice hat keinen einzigen Koch oder Zimmermädchen zum Vermitteln“, sagt Stefan Bletzacher, Bezirksstellenleiter der WK Schwaz. Die Arbeitslosenquote liegt im Bezirk bei 4,6 %. Mit Ende Juni waren 37.896 Menschen im Bezirk unselbstständig beschäftigt. „Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von gut 2 %“, sagt WK-Obfrau Martina Entner und fügt hinzu: „Der Arbeitsmarkt ist eigentlich ausgeschöpft.“ Dennoch finden zahlreiche Unternehmer keine neuen Mitarbeiter. Facharbeiter und Lehrlinge sind rar. „Mittlerweile sind alle Branchen betroffen. Ein Zillertaler Tischler hat mir erzählt, dass er heuer so viele Aufträge absagen musste wie noch nie. Es fehlen ihm die Arbeiter“, sagt Entner. Als Gastronomin kenne sie dieses Problem auch selbst. „Es ist schwerer, gute Mitarbeiter zu kriegen als gute Gäste“, kritisiert sie.

Bei dieser geringen Arbeitslosenquote spricht man von Vollbeschäftigung. Jene, die keinen Job haben, seien schwer zu vermitteln. Das liege an verschiedenen Gründen, wie körperliche Gebrechen oder fehlende Ausbildung.

Laut Entner sei das Qualitätsniveau der Arbeitslosen oftmals zu gering für die heutigen Anforderungen eines Betriebes. „Die Unternehmer müssen diese Versäumnisse immer öfter durch betriebsinterne Weiterbildungen wieder aufholen“, sagt sie.

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Seit 2001 ist die Zahl der Mitarbeiter in der gewerblichen Wirtschaft um 20 % und im Tourismus um rund 50 % gestiegen. Im Gegenzug ging die Zahl der Pflichtschulabgänger zurück. „In acht Jahren waren es um ein Viertel weniger Kinder, die die Pflichtschule abgeschlossen haben“, erklärt Bletzacher. Mit einem Augenzwinkern appelliert er an die Bevölkerung, wieder mehr Kinder zu kriegen. „Der Geburtenrückgang macht sich bemerkbar. Uns fehlen die Leute in den Berufen“, sagt er.

Hinzu komme laut Entner, dass Eltern als Entscheidungsträger für die Zukunft ihrer Kinder agieren. Das heißt: „Die Eltern wissen oft nicht, wohin mit ihrem 14-jährigen Kind. Also schicken sie es weiter zur Schule, damit mehr Zeit zum Überlegen bleibt.“ Lehrberufe sind immer unbeliebter geworden. Mit verschiedenen Aktionen und Workshops versuchte die WK, die Wertschätzung der Jugendlichen und der Eltern für Handwerksberufe wieder nach oben zu schrauben. „Eine erschreckend hohe Zahl an hoch Ausgebildeten findet keinen Job“, sagt Entner. Ein Studium sei schon lange keine Garantie mehr, einen Job zu finden und viel Geld zu verdienen.

90 % aller Unternehmen im Bezirk sind kleine Betriebe mit bis zu neun Mitarbeitern. Während die Größeren investieren, fehle bei den kleineren Betrieben der Mut, Geld in die Hand zu nehmen. „Die Kleinbetriebe brauchen mehr Unterstützung“, weiß Entner. Für sie wurde bei den Reformen der vergangenen Jahre eines vergessen: Bürokratie abzubauen. „Speziell kleinere und mittlere Betriebe müssen viel zu viel Zeit und Energie aufbringen, um stapelweise Fleißaufgaben für den Staat zu erledigen“, sagt Entner. Schuld seien aber nicht die Sozialpartner oder die Bezirkshauptmannschaft, sondern der Staat als Gesetzgeber. „Es gibt Gesetze, die teils einfach irrsinnig sind“, sagt Entner. Auch Bletzacher kann nur den Kopf schütteln, wenn es darum geht, dass ein Chef seine Mitarbeiter Jahr für Jahr über gefährliche Gegenstände im Betrieb aufklären muss und das dann fürs Inspektorat dokumentiert. „Wozu muss man denn jährlich erklären, dass das Messer spitz ist“, ärgert er sich. Beispiele gebe es genug. Es brauche mehr Hausverstand und Flexibilität gegenüber den Betrieben. Zudem müsse man manches Berufsbild überarbeiten. „Im Tourismus könnte man zum Beispiel die Lehrzeit der Restaurantfachfrau verkürzen“, sagt Entner.


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