Konzentrationslager unter Palmen

In seinem neuen Roman „Die Außeririschen“ erteilt Doron Rabinovici der Gegenwart eine Lektion: Es braucht keine fremde Bedrohung, damit der Mensch sich selbst zum Monster wird.

© Thomas Boehm / TT

Von Joachim Leitner

Innsbruck –„Sie kamen über Nacht.“ So lautet der erste Satz von Doron Rabinovicis neuem Roman „Die Außerirdischen“. Und tags darauf war alles anders: Panik und geplünderte Läden in der Nachbarschaft, die Infrastruktur läuft auf Notstrom und gleich mehrere Regierungen spielen atomare Erstschläge durch. Rabinovici greift also zunächst auf einen Standard-Topos der Science-Fiction-Literatur zurück: die Invasion aus dem All. Von der berichten jedenfalls die Medien, alle Medien. Also wird schon etwas dran sein. Zu sehen bekommt die Außerirdischen freilich weder der Leser noch Romanprotagonist Sol. Erste Lektion also: Etwas muss gar nicht da sein, um Reaktionen hervorzurufen. Man kennt das von der Fremden­feindlichkeit, die gerade dort Urstände feiert, wo es kaum Fremde gibt.

Doch die Lage beruhigt sich, nachdem vermeldet wird, dass die Aliens gar nicht so böse sind. Nun gilt es, die geschichtsumstürzende Größ­e des Ereignisses zu feiern: Popstars singen „We are aliens“, „Exobilien“ – Immobilien im Weltall – werden zum gefragten Spekulationsobjekt und der Gastro-Blog, für den Sol gearbeitet hat, treibt seine Klickzahlen mit Alien-Storys in die Höhe. Zweite Lektion: Schrecken lässt sich schneller vergessen, wenn man ein Geschäft daraus macht.

Alles gut also? Wenn da nur diese Kleinigkeit mit dem Menschenfleisch nicht wär­e. Darauf sind die Aliens nämlich aus – heißt es. Aber sie geben sich damit zufrieden, wenn sich gelegentlich ein Erdling freiwillig opfert. Damit – siehe Lektion zwei – kann man arbeiten: Die globale Abenteuer-Castingshow, die Siegern Reichtum und Verlierer in den „Fleischwolf“ bringt, wird ein Hit. Der Fleischwolf übrigens steht auf einer besonders einladenden Insel, wo mit Blick auf Traumstrände geschlachtet werden kann. Selbst bei Sol regt sich das Gewissen erst, als sich ein Freund als Kandidat meldet. Und schnell müssen Sol und seine Freundin Astrid erfahren, dass auch mit Kritikern wenig zimperlich umgegangen wird. Auch die werden auf die Insel „deportiert“. Und schon das Wort macht klar, was sie dort erwartet: ein Konzentrationslager unter Palmen. Die dritte Lektio­n, die Rabinovici in seinem Roman bereithält, lautet also: Wer braucht schon außerirdische Bedrohungen, wenn es den Menschen gibt, der sich selbst zum Monster wird?

Letztlich ist „Die Außerirdischen“ also eine mit beinahe Kafka’scher Konsequenz und frei von allen Sentimentalitäten durchdeklinierte Parabel auf eine Gesellschaft, deren Bespaßungs-Exzesse schnell ins Monströse kippen können. Von Kafka stammt auch das Motto, das den „Außerirdischen“ vorausgeschickt wird: „Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende, sondern auch verurteilt, mich bis ins Ende hinein zu wehren.“ Rabinovicis Roman ist der Versuch, sich gegen den um sich greifenden Irrsinn zu wehren, in dem der Irrsinn ins Waghalsige potenziert. Mitunter leidet die Lesefreude an der offen ausgestellten Tendenz zur These, bisweilen ist „Die Außerirdischen“ mehr Denk- und Lehrschrift als Roman. Aber vielleicht hat man die Lektionen, die das Buch bereithält, auch gerade deshalb am Ende auch gelernt.

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Roman Doron Rabinovici: Die Außer­irdischen. Suhrkamp. 255 Seiten 22,70 Euro.


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