Expertin: Nordkorea-Krise kann nicht militärisch gelöst werden

Pjöngjang/Melbourne (APA/dpa) - Trotz der eskalierenden Kriegsrhetorik zwischen Nordkorea und den USA hält es die Politikwissenschaftlerin J...

Pjöngjang/Melbourne (APA/dpa) - Trotz der eskalierenden Kriegsrhetorik zwischen Nordkorea und den USA hält es die Politikwissenschaftlerin Jiyoung Song von der australischen University of Melbourne für unwahrscheinlich, dass Pjöngjang eine Rakete in Richtung der US-Pazifikinsel Guam abfeuern wird.

„Kim (Jong-un) weiß, dass (...) die USA Vergeltung üben werden. Und das würde das Ende für Nordkorea bedeuten und die Vernichtung der nordkoreanischen Bevölkerung“, sagte die Expertin in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa. „Kim weiß, dass das Abfeuern von Raketen Richtung Guam zu einem neuen Koreakrieg führen würde, vielleicht sogar zu einem Dritten Weltkrieg“, so Song weiter.

Song hält die derzeitige Situation für einen „Spiegel des Koreakrieges“ von 1950 bis 1953, der mit einem Waffenstillstandsabkommen endete, nicht mit einem Friedensvertrag. Unterzeichnet wurde das Abkommen damals von China einerseits und den USA als Vertreter der Streitkräfte der Vereinten Nationen andererseits. „Aus der nordkoreanischen Perspektive hat der Krieg nie geendet“, erklärt Song. Das habe zu jahrzehntelangen Konflikten und der Isolation Nordkoreas geführt. Die Führung in Pjöngjang kämpfe verzweifelt um ihr Überleben. „Sie sehen den Besitz von Atomwaffen als die einzige Überlebenschance.“

Bei dem von Pjöngjang angekündigten Plan, Raketen Richtung Guam feuern zu wollen, handelt es sich Song zufolge um eine Reaktion auf die jedes Jahr Ende August stattfindenden gemeinsamen Militärmanöver der USA und Südkoreas vor der Westküste der koreanischen Halbinsel. Diese empfinde der Norden als Bedrohung.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

Die martialische Rhetorik von US-Präsident Donald Trump mache die Situation nur noch schlimmer, meint die Expertin. „Es ist höchst unsensibel, dass Präsident Trump von ‚Feuer und Wut‘ spricht“, sagt Song. Viele Koreaner erinnerten sich noch an „die riesige Zahl von Bomben“, darunter auch Napalmbomben, die die Amerikaner während des Krieges über der koreanischen Halbinsel abgeworfen hätten. „Das ist eine sehr schmerzhafte Erinnerung für Koreaner.“

Nordkorea zur Aufgabe seiner Atomwaffen zu bringen, hält Song für reines „Wunschdenken“. Denn: „Ohne Atomwaffen wären sie machtlos.“ Einen möglichen Lösungsansatz für die Krise sieht sie aber am Verhandlungstisch. Zunächst müssten die betroffenen Parteien den Waffenstillstand durch einen Friedensvertrag ersetzen. Dann könne man sich friedlich einigen, sagt Song. „Das Problem kann nicht militärisch gelöst werden.“


Kommentieren