Überraschungsmann Guliyev ist kein unbeschriebenes Blatt

Der Südafrikaner Wayde van Niekerk, der das Gold-Double bei der WM in London als Zweiter knapp verpasste, ließ keine Enttäuschung durchblicken.

Beim Zieleinlauf hatte Ramil Guliyev knapp die Nase vorne.
© REUTERS

Aus London: Von Birgit Egarter, APA

London - Ramil Guliyev ist ein Überraschungs-Weltmeister, aber kein unbeschriebenes Blatt. Der Neo-Türke war im WM-Finale über 200 m der lachende Dritte, als am Donnerstagabend in London fast alles auf den Südafrikaner Wayde van Niekerk oder Isaac Makwala aus Botswana blickte. Guliyev holte den ersten WM-Titel in der Leichtathletik-Geschichte für die Türkei und machte damit auch den Präsidenten glücklich.

Die türkische Flagge mit weit ausgebreiteten Armen in den Händen haltend und jene aus Aserbaidschan um den Hals gewickelt lief der 27-jährige Guliyev seine Ehrenrunde im Olympiastadion, nachdem er zuvor in 20,09 Sekunden vor Van Niekerk (20,11) und Jereem Richards (TTO) gewonnen hatte. „Er macht uns alle stolz. Ich gratuliere von ganzem Herzen“, twitterte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sogleich.

Bei Bolts Rekordlauf im Finale

Aus dem Nichts kommt der gebürtige Aserbaidschaner nicht. 2007 war er Zweiter der Junioren-WM und 2009 stand er in Berlin für sein Geburtsland bereits in jenem WM-Finale, in dem Usain Bolt den bis heute geltenden Weltrekord von 19,19 Sekunden auf die Bahn sprintete. Guliyev kam auf Rang sieben. In besagtem Jahr erreichte er zuvor als 19-Jähriger starke 20,04 - den U20-Rekord hält seit 2004 Bolt mit 19,93. Der Jamaikaner hat seit 2009 viermal in Folge die 200 m bei Weltmeisterschaften gewonnen, in London aber auf ein Antreten verzichtet.

2011 erhielt Guliyev die türkische Staatsbürgerschaft, seit 2013 darf er für sein neues Land antreten. Wegen der schwierigen Jahre nach dem Verbandswechsel ging die Leistungskurve auch erst spät wieder weiter nach oben, 2015 stellte er in Zagreb mit 19,88 seine persönliche Bestleistung auf. Über 100 verbesserte er diese heuer auf 9,97.

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Die Flagge von Aserbaidschan und der Türkei gingen mit Guliyev auf die Ehrenrunde in London.
© REUTERS

Und seit 2015 scheint Guliyev auch wieder bei Internationalen Meisterschaften im Vorfeld der Ergebnislisten auf. 2015 in Peking war er WM-Sechster, 2016 in Amsterdam Vizeeuropameister und Olympiaachter in Rio de Janeiro. Vor einem Monat gewann er das Diamond-League-Meeting in Paris.

„Ich bin gegen einige der besten Athleten der Welt angetreten. Es hat mir nichts ausgemacht, dass die Aufmerksamkeit auf ihnen lag. Vielleicht werden beim nächsten Wettkampf alle auf mich schauen“, meinte Guliyev. Ungläubig hatte er nach dem Rennen auf die Anzeigentafel geblickt, aber gemeint. „Es ist kein Schock für mich. Ich habe mein Bestes gezeigt, ich habe mein bestes Rennen zur richtigen Zeit abgeliefert. Das ist ein Traum für mich.“

„Gold und Silber gute Farben“

Der große Verlierer am Donnerstagabend war Van Niekerk, der nach dem Sieg über 400 m auch über die halbe Stadionrunde nach Gold trachtete und als Erster nach US-Legende Michael Johnson bei der WM 1995 in Göteborg und Olympia 1996 in Atlanta diese Double wieder hätte schaffen können. „Dieser Wettkampf war eine riesige Achterbahnfahrt für mich, das waren schwierige Tage und ich bin erleichtert. Ich habe zwei Medaillen, Gold und Silber, das sind gute Farben“, ließ Van Niekerk keine Enttäuschung durchblicken.

Makwala, der das 400-m-Finale wegen einer ansteckenden Magen-Darm-Erkrankung nicht laufen durfte, nach einer 48-stündigen Quarantäne solo seinen Vorlauf über 200 m absolvierte und sich auch durchs Halbfinale bis in den Endlauf kämpfte, sprach von einer der „verrücktesten Meisterschafts-Reisen“, die er je hatte. „Ich bete, dass ich so etwas nicht noch einmal erleben muss“, sagte er nach Platz sechs. Er will nun in London auch noch mit der 4 x 400-m-Staffel antreten.


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