ImPulsTanz: Takao Kawaguchis Tanz mit einer fremden Seele

Wien (APA) - Der japanische Multimedia-Performer Takao Kawaguchi zeigte am Donnerstag im Rahmen von ImPulsTanz im Theater Odeon von Videos a...

Wien (APA) - Der japanische Multimedia-Performer Takao Kawaguchi zeigte am Donnerstag im Rahmen von ImPulsTanz im Theater Odeon von Videos abgeleitete Versionen der wichtigsten Stücke des Butoh-Mitbegründers Kazuo Ohno. Das sowohl intellektuell als auch körperlich anspruchsvolle Experiment verstößt gegen die Definition des Butoh. Das berührende Wagnis ist aufgegangen, aus der Kopie ist ein Original geworden.

Butoh ist eine aus Japan stammende Form des modernen Tanztheaters, die in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts aus der Begegnung der Avantgarde-Künstler Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno entstand und den Tanz in Japan revolutionierte. Butoh richtete sich in den Nachkriegsjahren konkret gegen den japanischen Konformismus und gleichzeitig gegen die aktuelle Amerikanisierung und Industrialisierung. Auch „Tanz der Finsternis“ genannt, beschäftigt sich die Kunstform mit Themen wie Geburt, Leben, Tod, Liebe und Leid und zeigt oft das Gegenteil dessen, was als schön empfunden wird.

So auch Kawaguchis Stück „About Kazuo Ohno“. Es beginnt mit einer von Chiaki Naganos Film „A Portrait of Mr. O“ (1969) inspirierten Improvisation inmitten von verstreuten Artefakten. Plastik, Flaschen, ein Püppchen, Stofffetzen, eine umgestürzte Leiter, Kochutensilien, ein Häufchen Erde und Karton liegen auf dem Boden der Hallen des Odeon. Kawaguchi rollt und fällt auf Inline-Skates herein, wird von schwarzen Gummibändern gehalten, legt diese ab, untersucht die Gegenstände, verwendet sie neu oder zerstört sie. In allem zeigt sich Fragilität: in seinen Schweißtropfen, seinem Zittern beim Sockenausziehen, in der Vorsicht, mit der er sich Klebeband in die Nase steckt.

Während Elvis Presley „Can‘t Help Falling in Love“ singt, bohrt der Performer und Tänzer Löcher in einen Plastikregenschirm, um Wasser durchlaufen zu lassen und darunterliegend davon zu trinken. Das Publikum weicht ihm aus, muss selbst darauf achten, nicht über die Objekte zu fallen, und wird mit Kawaguchis Nacktheit konfrontiert. Er bedeckt sich mit den Überresten der menschlichen Zivilisation, die sich auf seinem Körper zu einem Müllkostüm formen, und geleitet die Zuschauer in den Bühnenraum.

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Eine Kleiderstange und ein Spiegel stehen dort für den Künstler bereit. Vor den Augen des Publikums zieht er sich um, bevor er Ausschnitte aus Ohnos berühmtesten Werken tanzt, deren Titel und Entstehungsjahr an die Rückwand der Bühne projiziert werden. Kawaguchi zeigt als erstes Stück den „Traum des Fötus“ aus „Meine Mutter“ (1981) und stellt minutiös die Transformationen des Charakters nach, die Ohno einst zu Franz Liszts Liebestraum Nr. 3 improvisierte.

Jedes Schulterzucken, jede Kopfbewegung, jeder Schritt bis hin zur Körperspannung hat Kawaguchi von erhaltenen Videoaufnahmen abgelesen und tritt dem Publikum als Marionette entgegen, die die in Ohnos Seele gründenden Bewegungen ausführt. Dabei hält er auch die zeitliche Abfolge ein und stampft mit der Musikalität des Meisters den „Marsch aus dem Zigeunerbaron“ aus „Totes Meer, Wiener Walzer und Gespenst“ (1975). Der Originalton von Ohnos Auftritten begleitet den Tänzer, unterbrochen von Donnerschlägen des Unwetters, das während der Vorstellung in Wien niedergeht.

Mit den ausdrucksvollen Gesten Ohnos tanzt er in „Liebesträume“ (aus „Meine Mutter“) seine hilflose Liebe über die ganze Bühne, bietet sich hoffnungsvoll mit verdrehten Körperpositionen an. Dann wechselt das Licht: Ein einziger Lichtkegel beleuchtet den Tänzer, der sich das Gesicht langsam weiß schminkt, die Maske von „La Argentina“ aufträgt. An seiner Stelle tanzt jedoch eine Handpuppe in einer Videoeinspielung das Stück, mit dem Ohno 1977 im Alter von 72 Jahren auf die Bühne zurückkehrte.

Es scheint, als ob Kawaguchi das wohl berühmteste Werk Ohnos unangetastet ließe, die Zuschauer beginnen zu klatschen. Doch folgt die Einblendung: „Pause 5 Minuten“, und die Durchsage, es werde gebeten, sitzen zu bleiben. Ein fast unwilliges Raunen geht durch das Publikum. Kawaguchi tritt wieder auf, diesmal mit einer teigigen orangenen Maske, auf die ein Gesicht gemalt ist. An einen Flügel gelehnt, streckt er von einem Scheinwerfer frontal angestrahlt minutenlang die Arme zum Himmel, und lässt im Hintergrund Ohno als mageren Schatten „Das tägliche Brot“ aus „Admiring La Argentina“ tanzen.

Kawaguchi macht in „About Kazuo Ohno“ klar, dass er die Stücke eines anderen aufführt. Die Tragik seiner eigenen Bühnenfigur, eines Tänzers, der in die Rolle eines einzigartigen Künstlers schlüpft, offenbart sich, als er während des anhaltenden und anerkennenden Applauses eine Zugabe tanzt: Er verbeugt sich und scheint zum ersten Mal von der Vorgabe des Meisters befreit zu sein - doch behält er dessen Bewegungscharakteristik bei. Indem Kawaguchi sich Ohnos Performance unterwirft, verstößt er gegen die Definition des von philosophischen Gedanken getragenen Butoh, die da lautet: „Butoh ist, was weder Regeln noch Tabus kennt.“ Kawaguchi hat sich mit seinem Abend, der 2013 in Tokyo uraufgeführt wurde, auf ein Wagnis eingelassen und in der Butoh-Szene Kontroversen ausgelöst.

Ohnos großteils improvisierte Werke, die Butoh-Mitbegründer Tatsumi Hijikata inszenierte, werden durch Kawaguchis Arbeit zu Stücken eines tänzerischen Repertoires - dies ist wohl nicht im Sinne des Butoh, aber ein Weg, um sie vor dem Vergessen zu schützen. Der 2010 im Alter von 103 Jahren verstorbene Künstler Ohno tanzte selbst bis ins hohe Alter. Objekte aus dem Archiv des Kazuo Ohno Dance Studios sind im Rahmen der von Kawaguchi und dem Dance Archive Network kuratierten Ausstellung „Homage to Kazuo Ohno“ im Theater Odeon an ImPulsTanz-Vorstellungstagen noch bis 13. August zu sehen.

(S E R V I C E - „About Kazuo Ohno“ von Takao Kawaguchi ist im Rahmen von ImPulsTanz noch am 12. August um 21.30 Uhr im Odeon, Taborstraße 10, zu sehen. Karten: 01/7125400-111, www.impulstanz.com)


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