Eintauchen und aufhorchen: „Wasser atmen“ von Elisabeth Klar

Wien (APA) - „Wasser atmen“ - das geht natürlich nicht. Jedenfalls nicht für Menschen. Die Protagonisten des zweiten Romans von Elisabeth Kl...

Wien (APA) - „Wasser atmen“ - das geht natürlich nicht. Jedenfalls nicht für Menschen. Die Protagonisten des zweiten Romans von Elisabeth Klar sind allerdings sehr spezielle Menschen. Das Buch führt die Leser unter Wasser und in die Antarktis, lässt tief eintauchen in die eigentümliche Welt der natürlichen Geräusche und Klänge und macht mit elaborierten japanischen Kampfkunsttechniken bekannt.

Alles dreht sich um einen überschaubaren Zirkel von komplizierten Persönlichkeiten, die nach Klarheit und Einfachheit streben. Dr. Erika Wawracek etwa ist eine hoch angesehene Bioakustikerin mit Hang zu eigenwilligen Forschungsfeldern. Die Gesänge der Wale waren gestern, zu laut ist der von Menschen verursachte ambiente Lärm der Ozeane geworden. Heute versucht man nicht das Gras wachsen, sondern das Polareis brechen oder schmelzen zu hören. Die junge Musikwissenschafterin Judith Lackner will dagegen in ihrer Diplomarbeit nachweisen, dass die Brachialklänge der Industrial Rocker von Nine Inch Nails eigentlich entspannend wirken und findet es andererseits nicht alarmierend, dass in ihrer Wohnungswand das Wasser rauscht (der Rohrbruch wird von anderen entdeckt).

Die beiden Frauen bewegen sich vorwiegend im engeren Kollegenkreis und haben ihr soziales Leben recht überschaubar gestaltet. Erika betreibt Aikido, eine Kampfkunst, bei der man durch mühevoller Übung Techniken erwirbt, die einen mühelos die von einem fremden Angriff angewandte Kraft zur eigenen Abwehr verwenden lässt. Judith entschließt sich zu einem verstörenden Schritt, der dem ohnedies irritierenden Buch einen zusätzlichen Kick verleiht: Sie fascht eine Hand und versucht, dadurch eine dauerhafte Verkürzung der Sehnen zu erreichen. Eine erschreckende und konsequente Verweigerung, die eigenen natürlichen Möglichkeiten zu nutzen. Es sind zwei beunruhigende Bilder, die als soziale Metaphern den Roman prägen: Die Angst vor dem Fallen, das durch das nicht rechtzeitige Abrollen schmerzhaft werden kann. Und das zwanghafte Verschließen einer Hand, die sich nicht mehr öffnen soll.

In ihrem gefeierten Debüt „Wie im Wald“ hat die 1986 in Wien geborene Autorin eine unheimliche Familiengeschichte zusammengesetzt und es den Lesern selbst überlassen, nach einem Pfad aus dem Dickicht der Andeutungen zu suchen oder sich durch die erinnerten Ereignisse treiben zu lassen. In „Wasser atmen“, das nun in noch viel fremdere Gefilde führt, fühlt man sich noch mehr allein gelassen.

Es ist eine eigentümliche, faszinierende Welt voller Anspielungen und neuer Perspektiven auf scheinbar Altbekanntes, für die Elisabeth Klar im Anhang eine lange Liste an Inspirationsquellen anführt, von Joseph Conrad und Virginia Woolf bis zu Expeditionsberichten und Logbüchern. Die Atmosphäre des Romans ist trotz seiner Handlungsarmut spannungsreich aufgeladen und beunruhigend. Den Kompass zur Orientierung verweigert Klar jedoch. Das ist faszinierend und irritierend zugleich: Man weiß als Leser nicht so recht, ob man sich über die einem zugestandene volle Autonomie freuen soll.

„Die Welt bestraft die Träumer“, heißt es einmal. „Die Welt überholt dich und tritt dir dabei ins Gesicht.“ Besser, rechtzeitig in Deckung zu gehen. Und unter Wasser doch lieber den Atem anzuhalten. Oder die Flasche mit der Pressluft nicht zu vergessen.

(S E R V I C E - Elisabeth Klar: „Wasser atmen“, Residenz Verlag, 360 S., 24 Euro)


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