Die Wespen sind in Tirol zurück

Im Vorjahr machten nur wenige Wespen den Tiroler Ausflüglern Kuchen und Schnitzel streitig. Heuer sieht es anders aus. Eine Folge der drei Hitzeperioden im Sommer.

© dpa

Von Thomas Hörmann

Innsbruck –Die gelb-schwarzen Plagegeister sind zurück: Vor einem Jahr ließen sich kaum Wespen in Tirol blicken, doch heuer umschwärmen die Insekten wieder Schnitzel und Kuchen. Eine Folge des Wetters, erklärt Timo Kopf, Biologe an der Innsbrucker Universität: „Obwohl das Frühjahr für die Tiere nicht optimal war, konnten sich die Populationen im Sommer erholen. Ausschlaggebend dafür waren wohl die drei Hitzeperioden.“

Rückblende: Die Wespen waren – wie viele andere Insekten auch – im Spätsommer und Herbst 2016 ein seltener Anblick. Eine Folge des ungemütlichen Frühlingswetters – vor allem der nasskalte April hatte der Tiroler Insektenwelt zugesetzt. Die Wespen litten gleich doppelt. Einerseits, weil sie sich im Frühjahr von anderen Insekten ernähren. Allerdings war der Tisch durch das ungünstige Wetter nicht sonderlich reich gedeckt. Dadurch mussten die kleinen Räuber mehr Zeit in die Nahrungssuche investieren. Zeit, die den Wespen für ihre zweite Aufgabe im Frühling abging: dem Knabbern und Sammeln von Holz für den Nestbau.

Die Bedingungen waren im Vorjahr so ungünstig, dass viele Wespen-Königinnen erst gar keine Nester errichteten. Und wenn doch, dann blieben die Nester meist klein. In Summe führte das dazu, dass im vergangenen Herbst kaum Wespen unterwegs und damit lästig waren.

Auch heuer starteten Wespen und andere Insekten schlecht in die Saison. Und wieder lag es am April, der den Sechsbeinern zunächst das Leben schwer machte. Die Temperaturen waren gar nicht mild, sondern sanken in einigen Nächten der zweiten Monatshälfte sogar deutlich unter den Gefrierpunkt. „Damals habe ich schon mit einem Einbruch bei der Insektenanzahl gerechnet“, sagt Kopf.

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Dass die Wespen trotz des kalten Aprils jetzt dennoch zur Plage werden, „liegt am Sommer. Die Völker konnten durch die drei Hitzeperioden den Rückstand offenbar wieder aufholen“, so der Biologe. Jetzt sind sie besonders lästig. Und das könnte am kargen Nahrungsangebot liegen, vermutet der Wissenschafter. Denn der kalte April hat nicht nur den Insekten, sondern auch den Obstkulturen geschadet. „Und jetzt fehlt das Fallobst, von dem sich die Tiere ernähren können. Die Wespen benötigen Zuckerwasser. Das ist ihr Treibstoff.“

Ein Treibstoff, der für die Insekten grundsätzlich immer mehr zur Mangelware wird: „Auf unseren Kulturflächen gibt es immer weniger Blüten und damit auch Nahrung. Daher weichen die Tiere in die Gärten aus“, sagt Kopf. Oder sie naschen am Kuchen mit. Unterm Strich eine fatale Entwicklung für die Tierwelt. „In den 70er-Jahren gab es etwa fünfmal so viele Insekten wie heute“, weiß der Ökologe. „Damals musste man die Windschutzscheiben der Autos deutlich öfter von den Insektenrückständen reinigen wie heute.“

Wenn demnächst die Geschlechtstiere die Nester verlassen, werden die Arbeiter-Wespen noch lästiger werden. Denn dann sind sie beschäftigungslos, da sie sich nicht mehr um den Nachwuchs kümmern müssen. Und den „Urlaub“ nützen die Arbeiterinnen für ihr liebstes Hobby: das Fressen. Wenn sie dabei an vergorenes Obst geraten, ist es endgültig vorbei mit unserer Ruhe: Denn der Alkohol wirkt wie bei den Menschen und macht die Tiere noch mutiger, frecher und aggressiver.

Zumal es der erste und letzte Urlaub im Lebenszyklus der Tiere sein wird – mit dem ersten Frost beginnt das große Sterben. Und dann sind Kuchen und Schnitzel wieder sicher.


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