Jenseits der Welt von Wissen und Wohlstand

In Adam Smiths Kinodebüt „Das Gesetz der Familie“ brillieren Michael Fassbender und Brendan Gleeson als kriminelle Außenseiter.

Die irischen Superstars Michael Fassbender und Brendan Gleeson tragen in "Das Gesetz der Familie" einen Vater-Sohn-Konflikt aus.
© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Ein Kaninchen hetzt Haken schlagend über eine Wiese. Vielleicht ist ein Hund hinter ihm her, aber der rettende Wald ist in Sicht. Auf der Tonspur schiebt sich ein aufjaulender Motor über das Vogelgezwitscher. Da Tyson (Georgie Smith) zu klein ist, die Pedale zu erreichen, lenkt er auf dem Schoß seines Vaters sitzend das Auto. Chad Cutler (Michael Fassbender) spornt seinen achtjährigen Sohn zu waghalsigen Manövern an, auf den Wagen muss keine Rücksicht genommen werden, da bei den Cutlers jedes Auto nach kurzem Gebrauch angezündet wird, um Spuren zu vernichten. Noch liegt aber ein Cousin mit gebrochenem Bein im Kofferraum. An ein­e medizinische Versorgung ist nicht zu denken, denn der Cutler-Clan lebt, umgeben von Müll und Schrott, in einem Wohnwagendorf. Von einer ähnlichen Siedlung ist Brad Pitt in „Snatch“ (2000) aufgebrochen, um amerikanische und britische Gangster aufzumischen, aber Guy Ritchies Film war eine schrill­e Komödie, in der für soziale und politische Hintergründe kein Platz war.

Adam Smith zeigt in seinem Kinodebüt „Das Gesetz der Familie“ die Zwiespältigkeit eines Lebens am äußersten Rand der Gesellschaft, die Anpassun­g mit Annehmlichkeiten wie Sozialversicherung und Bildung belohnt und den Gesetzlosen dafür erbarmungslos verfolgt. Mit solchen Widersprüchen konnte das Kino immer nur in Genres wie dem Western oder dem Gangsterfilm umgehen, während sich im sozialen Realismus die Zuwendung für negative Figuren in Grenzen halten muss.

Nach seinem Initiationsritus als Jäger und künftiger Fluchtwagenfahrer lauscht Tyson den Predigten seines Großvaters Colby (Brendan Gleeson), der noch im Mittelalter lebt, von der Erde als Scheibe faselt, und was er sonst noch an irischer Volksfrömmigkeit aufgeschnappt hat. Colby sieht die Mitglieder seines Clans als Nachfolger jener Jünger des Erlösers, die in die Welt gezogen sind, um die Wahrheit zu verkünden. Tysons Mutter Kelly (Lyndsey Marshal) sieht die Zukunft des Buben im Erlernen einer anderen Wahrheit. Tyson soll der erste Cutler sein, der die Welt der Analphabeten verlassen kann und nicht mehr auf Raubüberfälle und Einbrüche zum Lebensunterhalt angewiesen ist. Chad bleibt in Fragen des Wissens und zur Zukunft eher vage. Einerseits fühlt er sich seiner Frau verpflichtet, die er aus ihrer Wohlstandswelt gerissen hat, andererseits fehlt ihm die Kraft, sich gegen den übermächtigen Patriarchen aufzulehnen, obwohl sich die erniedrigenden Momente häufen, wenn etwa in der feindlichen Außenwelt ein Schriftstück auszufüllen ist.

Es sind die beiden irischen Superstars Michael Fassbender und Brendan Gleeson, die diesen Vater-Sohn-Konflikt im Milieu der „Travellers“ austragen. Die Virtuosität ihres Spiels macht aber auch das Dilemma des Familiendramas sichtbar. Erstarrt in kriminellen Traditionen und larmoyantem Selbstmitleid, bringen nur Autoverfolgungsjagden etwas Ablenkung von der düsteren Ballade der Ausweglosigkeit. Für einen bescheidenen Hoffnungsschimmer müsste sich der Film nicht einmal von seinen Figuren distanzieren.

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