Weil sie noch richtig brennen: Die Toten Hosen begeisterten Innsbruck

Bloß nicht die Schneid abkaufen lassen: Die Toten Hosen haben die Olympiahalle zum Bolzplatz erklärt und gegen Idioten angesungen.

© Julia Hammerle

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Ein kleiner Bub – kaum älter als fünf – rückt seinen Hut zurecht und zupft am schwarzen T-Shirt, auf dem in weißen Lettern „Bis zum bitteren Ende“ prangt. Daneben stehen zwei Frauen, die auch als „Shopping Queen“-Kandidatinnen durchgehen könnten – das Motto „Überzeuge mit deiner Carmenbluse“ erfüllen sie perfekt. Willkommen auf dem „Bolzplatz“ der Toten Hosen, der am Dienstag in der Innsbrucker Olympia­halle lag – und ein bunt gemischtes Publikum anlockte. Die Punk-Veteranen um Frontmann Campino, die seit 35 Jahren über die Bühne fegen, sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und ziehen nicht nur Hardcore-Fans an, die jede Silbe mitsingen können. Maßgeblich dazu beigetragen hat sicher ihre Hymne „Tage wie dieser“, die auf Hochzeiten und Maturafeiern genauso gespielt wird wie auf Beerdigungen. Und auch in Innsbruck führt kein Weg am pathetischen Ohrwurm vorbei, den auch diverse Politiker zu ihren Zwecken nutzen wollten. Im Sinne des Punk ist das natürlich nicht. Doch bevor in der beinahe ausverkauften Olympiahalle „alles laut ist und alle drauf sind“ und mit dröhnendem Nachhall die „Unendlichkeit“ herbeigewünscht wird, während Luftschlangen auf die knapp 8000 Besucher niederprasseln, darf mehr als zwei Stunden in alten und neuen Hits geschwelgt werden.

Das Schöne dabei: Hier wirkt nichts heruntergenudelt, die Toten Hosen machen definitiv keinen Dienst nach Vorschrift, sondern sind – wie’s Campino ausdrückt – „volle Kanne“ bei der Sache. Tags zuvor brachten sie Wiesen zum Kochen, in Innsbruck wollen sie noch einen drauflegen. Es gibt nur ein kleines Problem – Campinos Herzensverein, der FC Liverpool, steht justament zeitgleich gegen Hoffenheim auf einem anderen Bolzplatz. Doch der eingefleischte Fan weiß sich zu helfen und lässt sich den Spielstand zuflüstern. Am Ende gewinnt Liverpool 2:1, die Toten Hosen können also entspannt in die Verlängerung gehen: Sound-Material gibt’s dank 16 Studio-Alben zur Genüge, Hadern wie „Hier kommt Alex“, „Bonnie und Clyde“, „Steh auf, wenn du am Boden bist“, „Wünsch dir was“ oder „Alles aus Liebe“ – inklusive charmantem Texthänger – werden da geschickt mit einem Best-of des neuesten Streichs „Laune der Natur“ gemischt. Ein mitreißender „Urknall“ läutet die Hosen-Festspiele ein, bei denen auch der Iggy-Pop-Hit „Passenger“ ertönt und obendrein kritische Töne angeschlagen werden. Als Intro für „Unter den Wolken“ sinniert Campino über die „seltsamen Zeiten“ und ruft dazu auf, sich von „Idioten wie Trump und Erdogan nicht die Schneid abkaufen“ zu lassen. Dafür gibt’s lauten Jubel. Die guten alten Zeiten lässt Campino wiede­rum aufflammen, als er sich bei „Alles passiert“ ein Zippo ausborgt – und ganz altmodisch ein Stimmungsfeuer entfacht, das im Gegensatz zu den gezückten Smartphones tatsächlich flackert. Vielleicht macht das ja die Magie der Toten Hosen aus. Sie brennen einfach noch richtig.

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