Homo roboticus

Ist die Maschine der neue Mensch? Und was bedeutet der technische Fortschritt für die Arbeitswelt und Gesellschaft von morgen? Die zweite Vienna Biennale sucht Antworten.

Die zweite Vienna Biennale denkt über "Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft" nach.
© Jonas Voigt

Von Ivona Jelcic

Wien –Als Marina Abramovic in einer ihrer ersten Performances Anfang der 1970er-Jahre mit einem Messer in rasender Geschwindigkeit zwischen die gespreizten Finger ihrer Hand stach, war das die totale Entgrenzung des Körpers und des Schmerzes. Und die maximale Zumutung an sich selbst und an das Publikum. Was aber, wenn die Messerstecherei nicht mehr dem Selbst, nicht einmal der menschlichen Natur, sondern einem Roboterprogramm überlassen wird? Das Künstlerkollektiv 5Voltcore gibt an, mit „knife.hand.chop.bot“ das Vertrauen in die Technologie testen zu wollen. Man lege also die Hand in die interessanterweise an mittelalterliche Folterwerkzeuge erinnernde Gerätschaft – die, wenn sich Angstschweiß entwickelt, allerdings unpräzise wird.

Der (emotionale) Zugang zur fortschreitenden Entwicklung der Robotik, von künstlerischer Intelligenz und Algorithmen schwankt im Allgemeinen irgendwo zwischen fatalistischen Ängsten und Faszination, Ablehnung (schaffen wir uns selber ab?) und Forschergeist. Was die Veränderungen der Arbeitswelt in der so genannten digitalen Moderne betrifft, kann man derzeit im Wiener MAK – Museum für angewandte Kunst Risikoforschung am eigenen Leib bzw. Job betreiben: Eine interaktive Website der BBC spuckt den Wahrscheinlichkeitsgrad dafür aus, dass „ein Roboter Ihren Job übernehmen“ wird. Haltungs- bzw. Vorbehaltsfragen werden freilich auch ganz entscheidend durch das Design beeinflusst: Wenn der in Gestalt eines Robbenbabys daherkommende therapeutische Roboter namens Paro zu gurren und schnurren beginnt, könnte das durchaus auch an kühleren Gemütern rühren. Allerdings dürfte die heraufbeschworene Emotion bei so manchem dann auch gleich wieder in Beklemmung umschlagen. In der Tat wird Paro bereits in mehr als dreißig Ländern zur Therapierung von älteren und demenzkranken Menschen eingesetzt.

Die zweite Ausgabe der vom MAK initiierten, interdisziplinären „Vienna Biennale“ für Kunst, Design und Architektur hat sich mit „Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft“ ein Thema vorgenommen, dessen gesellschaftliche Implikationen auf der Hand liegen – und dennoch auch die große Unbekannte sind. Verbindliche Antworten auf die Frage, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sich fortentwickeln wird, lassen sich vielleicht tatsächlich erst in (näherer) Zukunft geben.

An der Vienna Biennale sind neben dem MAK u. a. auch Architekturzentrum Wien, Universität für angewandte Kunst, Kunsthalle Wien und Austrian Institute of Technology beteiligt.

Mit „Hello, Robot“ ist im MAK eine gemeinsam mit dem Vitra Design Museum sowie dem Design museum Gent entwickelte Ausstellung zu sehen, die mit Fragen wie „Wollen Sie besser werden als von der Natur vorgesehen?“ oder „Würden Sie in einem Roboter leben?“ konfrontiert. Darunter ausgebreitet sind jüngere Entwürfe und Entwicklungen etwa aus dem Bereich des Bauens und der Architektur, die Otto Normalverbraucher noch in die Ablage „futuristisch“ oder „visionär“ verräumen würde, die aber längst von einer möglichen Gegenwart in Smart Cities erzählen, in denen zum Beispiel containerartige, an Architekturen angedockte „Eco Pods“ Bioenergie erzeugen.

In der hier gezeigten, ungeheuren Breite an Entwicklungen und Anwendungsgebieten ist eines sichergestellt: Jeder findet persönliche Anknüpfungspunkte – und dazu muss nicht einmal das Smartphone herangezogen werden. Wobei dieses zur Frage, ob Maschinen irgendwann die Macht über den Menschen übernehmen werden, einiges beizusteuern hat. In „Hello, Robot“ werden großzügig auch popkulturelle Bezüge hergestellt, die – von Terminator über Stars Wars bis zu Knight Rider – heute fast schon nostalgisch behaftet sind.

Das Verhältnis des Menschen zur Maschine bleibt ambivalent. Was auch mit den unterschiedlichsten Erzählungen und Botschaften, in die es eingeflochten wird, zu tun hat. Der kanadische Schriftsteller und Künstler Douglas Coupland behauptet in seinen „Slogans for the Twenty-First Century“: „Maschinen reden hinter deinem Rücken über dich.“ Man kann sich das durchaus bildhaft vorstellen: Während wir noch darüber grübeln, wie zwischen Optimierungstrieb und menschlicher Existenz eine Balance gehalten werden kann, simulieren superintelligente Maschinen schon das Übermorgen.

Bis 1. Oktober. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Infos über die Vienna Biennale: www.viennabiennale.org


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