Neue Bücher - Petra Piuks bitterböse Abrechnung mit dem Heimatroman

Wien (APA) - „Toni und Moni“ - Petra Piuks bitterböse Abrechnung mit dem Heimatroman...

Wien (APA) - „Toni und Moni“ - Petra Piuks bitterböse Abrechnung mit dem Heimatroman

Horrorgenre Heimatroman: Petra Piuk legt mit „Toni und Moni. Oder: Anleitung zum Heimatroman“ eine bitterböse Abrechnung mit dem dörflichen Leben vor. Der akribisch durch- und unternummerierte, als ironische Schreibanleitung konzipierte Roman erzählt in kurzen Absätzen von häuslicher Gewalt, weiblicher Fremdbestimmung, von einem heimatlichen Konsens, der ein Übermaß an Alkohol ebenso toleriert wie Untergriffe sexueller, fremdenfeindlicher, geschichtsleugnerischer Art - und ist dabei stets in fröhlichem Erzähltrab unterwegs. Vom ländlichen Idyll zur ausweglosen Dystopie ist es da genauso wenig weit wie von der gesunden Watschen zur Bluttat im Schlafzimmer, umso weiter aber der vom Respekt vor dem Dirndl zum Respekt vor dem „Dirndl“.

Dass Piuk sich dabei als Autorin ebenso in die Geschichte einbaut wie ihre Lektorin, erboste Leserbriefe und diverse weitere narratologische Brechungen, unterstreicht die immanente Künstlichkeit von „Toni und Moni“, das deftige Rauf- und Runterdeklinieren von Provinzklischees oszilliert zwischen überkandidelter Comedy und beklemmender Tabulosigkeit. Petra Piuk, die im Vorjahr mit ihrem originellen, flotten Romandebüt „Lucy fliegt“ auf sich aufmerksam gemacht hat, dunkelt thematisch ab und schärft satirisch nach. Dazwischen: Lyrics von Radio Schlagerglück. (Petra Piuk: „Toni und Moni. Oder: Anleitung zum Heimatroman“, Kremayr und Scheriau, 208 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-218-01079-5)

„Atlas“ - Xaver Bayers poetisches Traumtagebuch

„Ein geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich“ lautete der Titel der jüngsten Prosa von Xaver Bayer. Nun hat der Wiener Autor „Atlas“ vorgelegt, eine Erzählung, die mit ihren 20 Seiten schmäler ist als ihr Titel verheißt, und die zumindest so voll ist von geheimnisvollem Knistern wie ihr Vorgänger. Doch stammt dieses Knistern eher aus einem unheimlichen Reich des Grauens, aus einer Welt voller Hirngespinste und unverständlicher Verluste. Bayer skizziert eine unwahrscheinliche Begegnung: Ein Obdachloser hat eine mitten im Wald befindliche, verlassene Kirche zu seinem neuen Zuhause ausgewählt und trifft dort, als er im Beichtstuhl auf der Seite des Priesters Platz genommen hat, auf einen weiteren Mann, einen anderen Irrläufer, der ihm eine ebenso seltsame wie seltsam tragische Geschichte als Beichte darbringt. „Atlas“ liest sich wie ein düsteres, aber von hoher poetischer Kraft durchsetztes Traumtagebuch, auf dem die Melancholie des Erwachten schwer liegt wie eine Winterdecke. (Xaver Bayer: „Atlas. Erzählung“, Haymon Verlag, 20 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-7099-3406-7)

„Patrioten“ - Eva Rossmanns Warnung vor Vaterlandsverteidigern und Hasspredigern

Islamisten und Nationalisten, Vaterlandsverteidiger und Hassprediger, Flüchtlinge und Hetzer - Eva Rossmann hat für ihren neuen Krimi aus dem Vollen geschöpft und die herrschende Gemengelage an aktuellen Befindlichkeiten, Ängsten und Vorurteilen auf großer Flamme aufgekocht und scharf gewürzt. Für den Ausgangspunkt des Romans „Patrioten“, der ganz ohne ihre sonstige Heldin Mira Valensky auskommt, dafür eine Vielzahl an Protagonisten jeglicher geografischer und ideologischer Heimat aufbietet, hat sie allerdings über 2.000 Jahre zurückgeschaut. Bis zur Kreuzigung, deren Symbolkraft für die christliche Welt kaum zu überbieten ist. Was soll man also davon halten, wenn eines Tages Julius Sessler, der Vorsitzende der Patriotisch Sozialen Partei, die bei der letzten Wahl über 30 Prozent der Stimmen erhielt, ans Kreuz genagelt aufgefunden wird. Nicht wenige halten einen Bezug zu seinem Spitznamen für naheliegend: Jesus zwei.

Rossmann bringt viele Themen, viele Perspektiven und auch viele Erzählweisen: Zwischen narrativen Passagen und Dialogen fügt sie Chatprotokolle ein, bei denen ein User namens ES zur Hauptfigur wird. In diesem Genre scheint die Wirklichkeit an Perfidie, Hass und Dummheit von der dichterischen Fantasie kaum zu übertreffen. „Der Großteil der verwendeten Postings in meinem Buch ist übrigens echt“, versicherte die Autorin gegenüber den „NÖ Nachrichten“.

(Eva Rossmann: „Patrioten“, Folio Verlag, 368 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-85256-725-9)


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