Merkel, ein Smiley und die Internet-Stars

Es ist ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen: Die Kanzlerin stellt sich eine Stunde lang den Fragen von vier YouTubern. Es geht viel um Politik – aber auch um Persönliches.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte sich live den Fragen der YouTuber.
© REUTERS

Von Jenny Tobien, Jörg Blank und Fabian Nitschmann, dpa

Berlin – Dann wäre die Frage ja endlich geklärt: Der Lieblingsemoji von Angela Merkel ist der Smiley, „wenn es gut kommt, noch ein kleines Herzchen dran“. In der einstündigen Interviewrunde mit vier YouTube-Stars geht es am Mittwoch aber auch um weniger Banales. Die Kanzlerin muss sich vielen Fragen zu aktuellen Themen stellen - es wirkt fast wie auf einer ganz normalen Pressekonferenz. Nordkorea, US-Präsident Donald Trump, die Lage in der Türkei oder nach der Insolvenz von Air Berlin – die jungen Internet-Stars wollen viele Details wissen.

Doch dann wird es doch etwas persönlicher: Wie Merkel mit dem Hass umgehe, der ihr auch entgegenschlage, will Ischtar Isik wissen, die ihren 1,1 Millionen Abonnenten auf YouTube sonst Beauty-, Fashion- und Lifestyletipps gibt. „Hass und Zuspitzung ist immer ein Zeichen von Unfähigkeit, die Argumente wirklich vorzubringen“, sagt die Kanzlerin. Sie sei traurig und manchmal auch erschüttert, wie viele Menschen sich nicht mehr anders auszudrücken wüssten.

Und was die Kanzlerin gegen Sexismus innerhalb der Parteien tun wolle? „Ich setze mich schon dafür ein, dass keine anzüglichen Bemerkungen gemacht werden“, sagt Merkel. Dann gibt sie der 21-jährigen Isik noch etwas Staatsbürgerkunde mit – und versucht, eine Prise Wahlkampf einzustreuen. Sie finde es „ziemlich blöd zu sagen“, weil sich jemand mit Beauty-Sachen beschäftige wie etwa eine Frisörin oder eine Kosmetikerin, könne derjenige gar nicht richtig „eine Wahlentscheidung erarbeiten. Das ist ja nun wirklich absurd“. Jeder Mensch könne sich schließlich informieren.

55.000 Live-Zuschauer auf YouTube

Für Merkel ist es nicht das erste YouTube-Interview. Vor zwei Jahren hatte die CDU-Vorsitzende mit Videostar LeFloid gesprochen. Bis heute wurde das Video dazu mehr als fünf Millionen Mal abgerufen. Zum Vergleich: Beim aktuellen Interview waren im Livestream im Internet zwischenzeitlich 55.000 Zuschauer dabei.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Wer sind die YouTuber, die zusammen auf drei Millionen Abonnenten kommen? Da ist die Lifestyle-Queen Isik, deren Eltern aus dem Irak stammen und die gerne über Wimperntusche, Nagellack oder Ohrringe plaudert. Es sei ihr erstes Interview gewesen, sagt sie im Anschluss der Kanzlerin. Diese zeigt sich überrascht: „Ihr allererstes Interview im Leben? Sonst machen Sie immer nur Selbstdarstellung?“ Merkel schiebt schnell hinterher: „Ich würde sagen, Sie haben Talent.“

Hinter „ItsColeslaw“ steckt die Psychologiestudentin Lisa Sophie (22). Bei ihr geht es im Netz auch mal um Probleme und Tabuthemen. „MrWissen2Go“ (31), der eigentlich Mirko Drotschmann heißt, ist eine Art oberschlauer, aber cooler Nachhilfelehrer. „AlexiBexi“, der 28-jährige Hamburger Alexander Böhm, isst vor laufender Kamera Nutella, testet Technik-Geräte oder synchronisiert Popsongs.

„Das Interview ist eine kluge Strategie“, sagt Kommunikationsforscher Patrick Donges von der Universität Leipzig. „Die Kanzlerin erreicht eine junge Zielgruppe, die sich nicht besonders für Politik interessiert, die mit den traditionellen Wahlkampfmitteln schwer erreichbar ist.“

Initiiert wurde der Termin von der zum TV-Konzern ProSiebenSat.1 gehörenden Produktionsfirma Studio71. Das Netzwerk hatte bei der Kanzlerin angefragt und die YouTuber ausgewählt. Ob es eine ähnliche Aktion mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz geben wird, ist laut einem Sprecher des Konzerns noch unklar.

Merkel biedert sich nicht an

Merkel sagt im Interview, sie suche den Kontakt zur jüngeren Generation: „Ich biete auf YouTube meinen wöchentlichen Videopodcast an, wir haben einen Facebook-Auftritt (...) und ich bin auch bei Instagram zu erreichen.“ Insgesamt kommt die Kanzlerin authentisch rüber, sie biedert sich nicht an.

Wenn es überhaupt kritischere Fragen gibt, weicht die Kanzlerin professionell aus. „MrWissen2Go“ will etwa wissen: „Wie finden Sie ganz persönlich Donald Trump?“ Merkel antwortet diplomatisch: Es gebe Meinungsverschiedenheiten (Klimaabkommen) und es gebe Gemeinsamkeiten (Kampf gegen internationalen Terrorismus).

Vorab hatten die vier YouTuber nach eigenen Angaben Bedingungen gestellt: „Dass das Ganze live stattfinden wird und dass die Kanzlerin unsere Fragen nicht vorher bekommt“, sagt „ItsColeslow“. Überhaupt wirkte die Veranstaltung bis ins Detail durchgeplant. Alle Beteiligten waren mit dem Interview auch Risiken eingegangen. So hatte sich LeFloid 2015 auch Kritik anhören müssen: Zu seichte und zu freundliche Fragen habe er gestellt, lautete damals der Vorwurf.

Das Netz wurde während des Interviews mit Kommentaren geradezu geflutet – darunter auch Hasskommentare. Die Frage von AlexiBexi nach dem Kanzlerinnen-Lieblings-Smiley lässt manche ratlos zurück. So kommentiert ein Twitter-Nutzer trocken: „Merkel hat ein Lieblings-Emoji ... ich kann beruhigt sterben.“ (dpa)


Kommentieren


Schlagworte