Deutscher Buchpreis - Müller-Wieland: Nominierung „unerwartete Ehre“

Frankfurt am Main/München (APA) - Als „differenziert sich selbst und die Welt reflektierende Schriftstellerin“ bezeichnet die „Süddeutsche Z...

Frankfurt am Main/München (APA) - Als „differenziert sich selbst und die Welt reflektierende Schriftstellerin“ bezeichnet die „Süddeutsche Zeitung“ die in Oberösterreich geborene Birgit Müller-Wieland, die es mit ihrem Roman „Flugschnee“ auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Der APA erzählte sie per E-Mail über ihre Überraschung, die Literaturförderung aus der Heimat und die „innere Notwendigkeit“ beim Schreiben.

Ihren Lebensmittelpunkt hat die 54-Jährige vor nunmehr gut zwei Jahrzehnten nach Deutschland verlagert, wo sie zunächst in Berlin lebte und später nach München zog. Nach mehreren Libretti, die teils von ihrem Ehemann Jan Müller-Wieland vertont wurden, sowie Gedichten ist „Flugschnee“ ihr zweiter Roman. Ihren Erstling „Das neapolitanische Bett“ hat der Wagenbach Verlag im Jahr 2005 herausgebracht. Ihr eigentliches Debüt gab die als Birgit Feusthuber am 13. September 1962 in Schwanenstadt geborene Autorin bereits 1997 mit dem Prosaband „Die Farbensucherin“ (Haymon Verlag) heraus. An Lyrik veröffentlichte sie zuletzt „Reisen Vergehen“ (Otto Müller Verlag, 2016), weitere Gedichte sind in „Ruhig Blut“ aus dem Jahr 2002 nachzulesen (Haymon). Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ sehen in „Flugschnee“ einen „kunstvoll gebauten Familienroman“, dessen „Handlungselemente wie Mosaiksteine“ aufgelegt werden. „Polyphon und vielschichtig“ nennt das Werk die „Furche“, die Rezension auf www.literaturhaus.at attestiert dem Roman ein „Herumirren/schwirren, ein in der Nichtanwesenheit Anwesendsein“. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen und Stipendien gehört u.a. der Reinhard-Priessnitz-Preis 2002, zwei Jahre davor war sie zum Bachmannpreis eingeladen.

APA: Sie leben schon über zwei Jahrzehnte als freie Schriftstellerin und haben zahlreiche Anerkennungen erhalten. Die Nominierung für den Buchpreis ist die bisher prestigeträchtigste. Haben Sie damit gerechnet bzw. darauf gehofft?

Birgit Müller-Wieland: Wenn man weiß, wie viele hervorragende Romane jährlich erscheinen, kann man nie darauf hoffen, für den Buchpreis nominiert zu werden. Das Wort „Longlist“, das montags plötzlich aufblinkte, als ich in einer Arztpraxis auf ein Rezept wartete, konnte ich im ersten Augenblick gar nicht zuordnen. Seither versuche ich, mit dieser Überraschung umzugehen.

APA: Welchen Stellenwert nimmt der Buchpreis für Sie sein, auch in Bezug auf die bisherige Vergabe, das Prozedere und nicht zuletzt die Auswirkungen auf Bekanntheit und Verkaufszahlen?

Müller-Wieland: Der Deutsche Buchpreis bedeutet natürlich für die betreffenden PreisträgerInnen und Verlage eine enorme Schubkraft in alle Richtungen. Er ist also sehr wichtig geworden. Andererseits: Wie viele wunderbare, bedeutende, ja, lebenswichtige Bücher schaffen es nie auf diese oder ähnliche Listen, weil sie nicht das Glück hatten, dass genau in einem entscheidenden Moment eine Person sich erhebt und sagt: „Dieses Buch ist wert, wahrgenommen zu werden.“ Alle Nominierungen und Preise sind also immer auch relativ, fragwürdig und von vielen Faktoren abhängig, die niemand voraussehen kann.

APA: „Flugschnee“ ist Ihr zweiter Roman, Sie schreiben auch Libretti und Lyrik. Gibt es ein Genre, in dem Sie sich am wohlsten fühlen?

Müller-Wieland: Es gibt ja die berühmte „innere Notwendigkeit“, was bei mir zumindest bedeutet, dass gewisse Inhalte sich ihre eigene Form erobern. Es geht also nicht darum, dass ich mich in einem Genre „am wohlsten fühle“, sondern um das Drängen des Stoffes in verschiedene Ausdrucksweisen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob ich an einem Gedicht feile oder viele Jahre mit einem Roman lebe, der alle Kräfte fordert...

APA: Wie kam es zur formalen Entscheidung, Ihren Roman aus unterschiedlichen Perspektiven zu schreiben? Was hat Sie daran gereizt?

Müller-Wieland: Das war ein längerer, auch mühsamer Prozess, bis mir die Struktur des Romans klar war, bis es stimmig war, dass eine Ich-Erzählerin in der Gegenwart spricht und die übrigen Figuren in einer personalen Erzählperspektive in der Vergangenheit angesiedelt sind. Diese Konzeption ermöglichte mir Spiegelungen, also Verhaltensweisen oder Gedanken, welche eine Figur prägen, in gleicher oder modifizierter Form einer weiteren in einer anderen Generation zuzuschreiben, auch Ungesagtes oder nur Angedeutetes zu transportieren, was die Lesenden im besten Fall verknüpfen, weiterdenken können.

APA: Welche Herausforderungen bietet ein generationenübergreifender Roman, zumal dieser von verschiedensten Autoren auf unterschiedlichste Weise aufgegriffen wurde?

Müller-Wieland: Beim Schreiben muss man irgendwann alles Gelesene, alles Wissen hinter sich lassen und sich dem überantworten, wohin die Figuren dich lenken. Mehrere Generationen zu schildern eröffnet natürlich viele historische Räume mit allen ihren Auswirkungen. Wie prägen die Erfahrungen unserer Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, deren Kämpfe, Leiden, Glücksmomente, ihr Verschwinden, die Leerstellen, das Nicht-Wissen und Doch-Wissen unsere eigenen gegenwärtigen Biografien, diejenigen unserer Kinder? Das war es, was mich an dieser Arbeit faszinierte.

APA: Welchen Stellenwert nimmt Österreich auch als Literaturland für Sie ein? Welche Unterschiede erleben Sie in Deutschland, was Markt und Förderung betrifft?

Müller-Wieland: Österreich war und ist sehr wichtig für mich, ohne die heimatliche Unterstützung hätte ich beruflich nicht überleben können. Die österreichische Literaturlandschaft ist im Gegensatz zur deutschen offener für die experimentelleren Schreibweisen, es gibt mehr Klein-Verlage, die sich dem Mainstream widersetzen, die Förderung der Kunst insgesamt ist vielfältiger. Gemessen an den Größenunterschieden beider Länder scheint mir Österreich tatsächlich das zu sein, was es imagemäßig als Außenwirkung anstrebt: eine vitale Kulturnation (obwohl natürlich immer Luft nach oben besteht!)

APA: Wie wichtig wäre Ihnen eine Nominierung für die Shortlist bzw. der Preis selbst?

Müller-Wieland: Für die Longlist nominiert worden zu sein ist solch eine unerwartete Ehre - weiter kann ich gar nicht denken. Ich frage mich auch, wie man sich als Jury überhaupt auf eine Shortlist einigen kann angesichts dieser Vielzahl an wichtigen, interessanten, bedeutenden Stimmen.

(Die Fragen stellte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - Birgit Müller-Wieland: „Flugschnee“, Otto Müller Verlag, 344 Seiten, 20 Euro. Lesung aus „Flugschnee“: 20. September, Literaturhaus Salzburg)


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