Ein Magnet für das Unglück

Die französische Regisseurin Lisa Azuelos erzählt in „Dalida“ von den Triumphen und tragischen Schicksalsschlägen der Schlagerikone der 60er- und 70er-Jahre.

© Thimfilm

Von Peter Angerer

Innsbruck –Am 26. Februar 1967 mietet der Schlagerstar Dalida (Sveva Alviti) unter ihrem bürgerlichen Namen Iolanda Gigliotti in einem Pariser Luxushotel ein Zimmer, um sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Ein Zimmermädchen findet die Sängerin rechtzeitig. Nach einigen Tagen im Koma bittet der Psychiater Dalidas Angehörige und Freunde zu sich, um zu entscheiden, wer auf den Genesungsprozess einen günstigen Einfluss haben könnte. Der Bruder Orlando (Riccardo Scamarcio) erzählt von der Kindheit der 1933 in Kairo geborenen Sängerin, die unter einem Sehfehler gelitten hat. Der Ex-Ehemann Lucien Morisse (Jean-Paul Rouve) erzählt vom Karrierestart in einer Talenteshow im Pariser Olympia und wie der Erfolg die Ehe zerstört hat. Der polnische Maler Jean Sobieski (Niels Schneider) erzählt von Dalidas Leidenschaft und wie er feststellen musste, dass die Geschichte mit Morisse noch nicht beendet war. Da fehlen einige Details, weshalb der Film dem Psychiater die Entscheidung mit dem Insert „Zwei Monate früher“ abnimmt. Zwischen Morisse und Sobieski hatte Dalida mit dem italienischen Sänger Luig­i Tenco (Alessandro Borghi) ihre große Liebe gefunden, doch nach einem Desaster beim Schlagerfestival in San Remo mit seinem Lied „Ciao, Amore, Ciao“ hatte sich der von Schlagerbranche und Leben enttäuschte Künstler erschossen.

„Ciao, Amore, Ciao“ wird in Dalidas Version dann doch ein Hit, aber so wie sich die Sängerin neu erfinden muss, versucht auch die französische Regisseurin Lisa Azuelo­s („LOL – Laughing Out Loud“, 2006) in ihrem Biopic „Dalida“ mit einem chronologischen Zickzackkurs eine Neuorientierung, wobei sie den über 2000 Liedern von Dalida Botschaften und Gedanken abzupressen versucht, die gleichermaßen von Glück und Tragik erzählen können. Diese Methode ist auch eines der Erfolgsrezepte der Schlagerindustrie, wenn auf der Bühne von Gefühlen gesungen wird, in denen sich das Publikum erkennen will und sich freut, dass endlich jemand seinen Gefühlen Aufmerksamkeit schenkt. Als Transportmittel in einem Film wird daraus schnell eine Persiflage. Als sich etwa Dalida in einen jungen Verehrer verliebt, schwindelt sich die Schnulze „Il venait d’avoir 18 ans“ („Er war gerade 18 Jahr“) auf die Tonspur. Die Liebesschwüre ihres Lebensgefährten Richard Chanfray (Nicolas Duvauchelle) mischt Azuelos mit dem Chanson „Paroles, Paroles“ („Worte, nur Worte“), das Dalida 1973 mit Alain Delon aufgenommen hat und zum Welthit wurde.

Lisa Azuelos folgt mit „Dalida“ den Memoiren von Dalidas Bruder Bruno „Orlando“ Gigliotti, der als Produzent und Manager die Karriere seiner Schwester gesteuert und sich auch über den Film die Kontrollrechte gesichert hat. Daher gibt es auch kein kritisches Wort über die Branche und die frauenfeindliche Ära, außer man ist bereit, die Serie von Selbstmorden in Dalidas Umfeld als Kritik zu sehen. Am 2. Mai 1987 vergiftete sich die depressive Sängerin, die wie ein Magnet das Unglück angezogen hatte, mit Schlaftabletten. Unter einem leeren Glas Whisky lag ein Zettel mit der Nachricht „Das Leben ist unerträglich geworden!“.


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