Amerikas Mythen aus der Manege

Die Show muss weitergehen – und das notfalls über Leichen: Éric Vuillard erzählt aus dem Leben von Buffalo Bill.

William Frederick Cody (1846–1917) alias Buffalo Bill gilt als Begründer des modernen Showbusiness. Foto: dpa
© Buffalo Bill Memorial Museum

Von Joachim Leitner

Innsbruck –William Frederic­k Cody darf mit Fug und Recht als Erfinder des modernen Showbusiness bezeichnet werden. Und er war selbst eine Erfindung: Der Groschenheftschreiber Ned Buntline gab dem Fährtenleser und Kurier-Reiter Cody, der sich damit brüstete, beim Bau der Kansas Pacific Railway zahllose Büffel erlegt zu haben, den Namen „Buffalo Bill“ – und machte ihn zum Helden abenteuerlicher Geschichten, die es mit der Wahrheit wahrlich nicht genau nahmen. Buchausgaben und Theaterstücke folgten: Schauspieler schlüpften in Codys Rolle. Dann – um 1872 – nahm Bill das Heft selbst in die Hand und begann, sein fiktives Leben als reales, im wörtlichen Sinne, zu verkaufen. Er spielte sich selbst – und beglaubigte dadurch die vermeintliche Authentizität der zur Schau gestellten Räuberpistolen.

Zunächst auf der Bühne, dann – ab 1883 – als Star einer ihm passgenau auf den Leib geschneiderten „Wild West Show“ wurde Buffalo Bill zur lebenden Legende – und zur Projektionsfläche für eine junge­ Nation, die danach trachtete, sich ihre ebenso kurze wie blutige Geschichte als erbauliches Helden-Epos mit „Happy End“ erzählen zu lassen. Rund 60 Millionen Menschen haben Buffalo Bill in gut 20 Jahren zugejubelt – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa: Der Mythos Amerika, als „Land der Freie­n und Heim der Mutigen“, fand in seiner Manege zur bis heute beschworenen Form. Jahrzehnte bevor „The Star-Spangled Banner“ zur Nationalhymne erklärt wurde, eröffnete Bills Lieblingslied die Show. Und der Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern war noch im Gange, da ließ Bill Schlachten mit bis zu 400 Komparsen nachstellen – mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass es im Zirkus Buffalo Bill selbst war, der den Triumph des weißen Mannes mit großer Geste anführte: die Geburt einer Nation aus dem Geiste des Spektakels.

Selbst Niederlagen, wie jene am Little Big Horn, ließen sich umdichten: Der Held im Fransenhemd rächt sich an den Wilden, indem er indianische Statisten vor tobendem Publikum demütigt. Viele der Darsteller haben noch kurz davor tatsächlich gekämpft. In der „Wild West Show“ wird die Eroberung der Neuen Welt zur chauvinistischen Zirkusnummer.

Eindrücklichstes Beispiel: Sitting Bull, der eigentlich Thathanka Iyotake hieß, aber wer soll sich derart Plakatuntaugliches merken? Bill engagierte den Häuptling, der den Stamm der Hunkpapa-Sioux 1876 in die Schlacht am Little Big Horn führte, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als mit Fantasiefedern geschmücktes Feindbild. Davon hat bereits Filmemacher Robert Altman in seiner brillanten Western-Satire „Buffalo Bill und die Indianer“ (1976) erzählt – und dabei die wirkmächtige Rücksichtslosigkeit des Showbiz ausgestellt.

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Der französische Schriftsteller Éric Vuillard geht nun in seiner penibel recherchierten Essay-Erzählung „Traurigkeit der Erde“ einen Schritt weiter: Selbst der Tod des alten Indianers – er wurde 1890 von Polizisten hinterrücks erschossen – wurde wenig später als Attraktion verbraten. Und dafür einfach eine weitere Schlacht erfunden, die es so nie gab. Die dafür in die Manege verfrachtete Originalhütte und das Pferd des Häuptlings wiesen die Echtheit der Lüge aus: Die Show muss weitergehen – notfalls auch über Leichen.

Vuillard allerdings beschreibt Buffalo Bill Cody nicht nur als umtriebigen Fabrikanten verlogener Mythen, sondern als tragikomische Figur: Irgendwann hat selbst er begonnen, die eigenen Erfindungen zu glauben. Und stand damit auch dann nicht alleine da, als die Massen nicht mehr in den Zirkus, sondern ins Kino strömten. Als William Frederick Cody am 10. Jänner 1917 starb, erreichten seine Familie Kondolenzschreiben vom britischen König Georg V., dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und von US-Präsident Woodrow Wilson. Sie betrauerten einen „amerikanischen Helden“. Genau das war er eben nicht.

Erzählung Éric Vuillard: Traurigkeit der Erde. Eine Geschichte von Buffalo Bill Cody. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz. 135 Seiten, 18,50 Euro.


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