„Diese Ungewissheit ist belastend“

Innerhalb von 18 Monaten musste der zehnjährige Farid acht Mal die Flüchtlingsunterkunft wechseln. Für eine freiwillige Helferin aus Schwaz ist er wie ein Sohn. Einer, der ihr nächstes Jahr schon wieder genommen wird.

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Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz –Geschickt dribbelt Farid (Anm.: richtiger Name der Red. bekannt) den Ball zwischen seinen Gegenspielern hindurch und schießt einen Pass zu seinem Teamkollegen. Er lächelt. Fußballspielen ist für ihn viel mehr als ein Hobby. Er hat auf dem Rasen im Schwazer Stadion viele neue Freunde gefunden. Während er Bälle kickt, vergisst Farid all jene Dinge, die ihm schwer auf der Seele lasten. Die er nicht mehr vergessen kann.

Farid kommt aus Afghanistan. Innerhalb von 18 Monaten wurde er acht Mal umgesiedelt. Acht Mal musste er alles hinter sich lassen. Acht Mal musste er zittern und wusste nicht, was ihn erwartet. Acht Mal hatte er Tränen in den Augen und das Gefühl, dass ihn niemand haben will. Die letzte Umsiedelung machte ihm besonders zu schaffen. Farid kam im Herbst 2016 im Sozialpädagogischen Zentrum St. Martin in Schwaz unter. In der Wohngemeinschaft wurden insgesamt sieben junge Flüchtlinge betreut. Kurz vor Weihnachten hieß es dann plötzlich, dass alle rausmüssen. Doch die Übersiedelung konnte von freiwilligen Helfern abgewendet werden – die TT berichtete. Mitte April war es aber so weit. Die teils unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge mussten raus, obwohl der Mietvertrag noch bis 2019 gelaufen wäre. Bis dato stehen die Räume leer. Erst im September ist eine neue Nutzung geplant. Zwei Mädchen und ein Bub kamen nach Innsbruck. Farid und die anderen wollten in Schwaz bleiben. Seine Fußballfreunde wollten den 10-Jährigen nicht verlieren.

Sie kamen von St. Martin ins ehemalige AMS-Gebäude in Schwaz. Dort leben rund 150 erwachsene Flüchtlinge. Es gibt keine Freizeitmöglichkeiten vor Ort und lange Zeit gab es auch kein Internet. G. organisierte auf eigene Faust einen Computer samt Internetzugang. „Die Veränderung war gravierend. Das merkt man nicht nur an den Schulnoten, sondern auch zwischenmenschlich“, sagt die freiwillige Helferin. Die Schwazerin kümmert sich seit Monaten um Farid und teils auch um seinen 24-jährigen Bruder.

„In St. Martin ging es Farid gut. Ich konnte mit ihm lernen und ihm im Alltag helfen. Jetzt kann der Bub kaum noch schlafen und die Betreuung ist viel zu wenig“, sagt G. Es tut ihr im Herzen weh, Farid so zu sehen. Für zwei Stunden in der Woche kommt eine ambulante Betreuerin zu ihm. „Über zwei Monate waren die Jugendlichen ohne Betreuung im alten AMS-Gebäude. Erst dann kam jemand“, sagt G. Viele Stunden in der Woche verbringe sie für den 10-Jährigen im Warteraum von Ämtern, im Auto unterwegs zum Fußballtraining oder um ihm bei den Hausaufgaben zu helfen. Mittlerweile kickt Farid beim Tiroler Fußball-Nachwuchs des Landesverbands- Ausbildungszentrums.

Zuständig für die Betreuung der rund 340 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Tirol ist die Kinder- und Jugendhilfe. Laut Abteilungsleiterin Silvia Rass-Schell habe die geplante Betreuungsperson kurzfristig abgesagt. Bis eine neue gefunden wurde, habe sich der Start verzögert. Dass Farid zu wenig betreut werde, könne sie nicht sagen. Er habe zudem seinen größeren Bruder. „In Einzelfällen wird diese Form der Betreuung bewusst gewählt, sofern eine bestehende enge Bindung zu erwachsenen Verwandten erhalten werden kann und der Verwandte in der Lage ist, den Minderjährigen angemessen zu versorgen, zu begleiten und zu unterstützen“, sagt Rass-Schell auf Anfrage der TT.

Das hört sich für G. wie ein schlechter Scherz an: „Sein Bruder ist ihm eine seelische Stütze, aber dieser braucht im Alltag doch selbst viel Hilfe. Er kann kaum Deutsch. Wie soll er da die Verantwortung übernehmen? Er wäre hoffnungslos überfordert.“ Am liebsten würde sie Farid adoptieren. Doch dafür sei G. zu alt. Sie ist wütend und enttäuscht zugleich. „Man lässt die Kinder total allein und erwartet dann Integration. Ein anderer 16-Jähriger, der vorher in St. Martin war, erhält gar keine Betreuung“, sagt G. und erzählt weiter: „Da fehlt vor allem psychologische Betreuung. Er hat Heimweh und weiß nicht, wo seine Eltern sind.“

Sorgen macht sich G. auch darüber, ob nächstes Jahr die nächste Umsiedelung ansteht. „Diese Ungewissheit ist sehr belastend für mich und für die Jugendlichen“, sagt G. Laut BM Hans Lintner sollen Ende 2018 die beiden gro­ßen Flüchtlingsunterkünfte in Schwaz geschlossen werden. Der Bedarf sei nicht mehr gegeben. Das bestätigen auch die Tiroler Sozialen Dienste. Obwohl man sich ein Hintertürchen offenhält und erklärt, dass die Entwicklung schwer prognostizierbar sei und man die Laufzeiten der Unterkünfte flexibel halten müsse.


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