280 Tage in der Gewalt des IS: Ein Journalist erzählt

Neun Monate ist Masoud Aqil in den Händen der Terrormiliz IS. Dann kommt er durch einen Gefangenenaustausch frei. Nun erzählt er seine Geschichte.

Ein ehemaliges IS-Gefängnis in Tabqa, Syrien, nach der Befreiung durch die Armee. (Archivaufnahme)
© REUTERS

Wien – 280 Tage ist der syrisch-kurdische Journalist Masoud Aqil Gefangener der Terrormiliz IS (Daesh). Er sitzt in sechs verschiedenen IS-Gefängnissen und wird gefoltert, ehe er durch einen Gefangenenaustausch mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) freikommt. Seine Geschichte hat er nach seiner Flucht nach Deutschland aufgeschrieben, das Buch erscheint Ende August.

Im Interview erzählt Aqil, dass er und seine 20 bis 30 kurdischen Mitgefangenen vom IS zwar mehr gefoltert worden seien als andere Gefangene, aber immerhin seien sie nicht hingerichtet worden. Aqil war Ende 2014 mit einem Kollegen und Freund auf dem Weg zu einem Interview von den Jihadisten geschnappt worden. Zu jener Zeit konnten die kurdischen Kämpfer große Gebietsgewinne im Norden Syriens feiern und etwa 600 IS-Kämpfer festnehmen. Daher habe der IS ihn und seine Mitgefangene als ein Faustpfand für einen Gefangentausch eingesetzt, wozu es schließlich auch kommen sollte.

Kollegen von IS-Schergen hingerichtet

Aqil wirkt gefasst, als er erzählt, wie der IS öfter seine eigenen Leute wegen kleinerer Vergehen oder Verdächtigungen zu ihm in die Zelle schickte. Dies sei wohl auch geschehen um ihn auszuhorchen, glaubt er. Nachdenklich wird er hingegen, wenn er sich an Mitgefangene erinnert, die von den Jihadisten hingerichtet worden seien. Daher habe er als Erstes nach seiner Freilassung seine Journalistenkollegen gewarnt, damit sie nicht auch in so eine Situation wie er kommen würden, sagt Aqil.

Nachdem er mit seiner Mutter über die Balkanroute nach Deutschland gekommen war, informierte er die Behörden über ungefähr zehn IS-Mitglieder in Deutschland, die er im Internet ausfindig machen konnte. Wie viele Jihadisten nach Europa geschleust wurden, könne er jedoch nicht sagen. Er wolle aber auch niemanden erschrecken, betont Aqil. Denn „die Flüchtlinge sind nicht die Gefahrenquelle, sondern die radikalen Personen. Die Flüchtlinge wollen nur ein sicheres Leben“, ist er überzeugt.

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Assad-Gefängnisse bringen Terroristen hervor

Den Terrorismus in Syrien habe Diktator Bashar Al-Assad übrigens bewusst geschaffen, glaubt er. Assads Gefängnisse seien Institute, wo Gefangene radikalisiert würden, so Aqil. Er kenne persönlich solche Fälle, wo normale Menschen als Radikale aus dem Gefängnis gekommen seien.

Seit dem Beginn der syrischen Revolution 2011 habe das syrische Regime „plötzlich all die radikalen Insassen aus den Gefängnissen freigelassen“, um die Revolution zu radikalisieren und sich als einziger Bekämpfer des Terrorismus darstellen zu können. „Falls der Westen am Beginn der Revolution eingegriffen hätte, wäre das gut gewesen“, glaubt Aqil. Jetzt sei es zu spät, und es gebe keine Lösung mehr, da die religiösen Differenzen zwischen Sunniten und Schiiten zu groß seien.

Auch werde Assad nicht aufhören, solange er nicht die ganze Macht in seinen Händen hält. Zudem bestünden die Rebellengruppierungen abseits der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), einem von den USA unterstützen Bündnis der YPG mit säkularen arabischen Kräften, ausschließlich aus Islamisten. Unterschiede zwischen dem IS und der Al-Nusrah-Front oder anderen radikalen Gruppen sehe er nicht, „sie haben nur andere Anführer, aber alle die gleiche Mentalität“.

Journalist sieht IS-Unterstützer in benachbarten Staaten

Assad habe den IS geschaffen, und die Türkei, Saudi-Arabien und Katar hätten die Terrormiliz später unterstützt, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan weil er die Kurden bekämpfen wollte, und Saudi-Arabien und Katar weil sie das Öl wollten, sagt Aqil. Erdogan setze zudem die Flüchtlinge gezielt ein, um Europa zu spalten, der IS werde aber in Ruhe gelassen. So würden in der Türkei bis zu 3.000 IS-Mitglieder völlig unbehelligt leben. „Ich habe mit eigenen Augen IS-Fahnen auf Gebäuden in Istanbul hängen gesehen“, zeigt sich Aqil entsetzt.

US-Präsident Donald Trump sei mit seiner Weigerung Flüchtlinge aufzunehmen, nicht besser als alle arabischen Führer, ist sich Aqil sicher. So mische Saudi-Arabien etwa groß im syrischen Bürgerkrieg mit und unterstütze radikale Islamisten, „der saudi-arabische König hat aber keinen einzigen Flüchtling akzeptiert“. Nach Europa sende Saudi-Arabien „Unmengen an Geld um Moscheen zu eröffnen, nicht um Schulen oder Universitäten zu eröffnen“, empört sich Aqil.

Die Probleme im Nahen Osten würden daher weitergehen, und auch Auswirkungen auf Europa haben. „Die Leute haben keine Hoffnung“, daher würden sie auch nicht schnell nach Syrien zurückkehren. Eine schnelle Friedenslösung sehe er nicht, denn im Nahen Osten seien die Menschen aufgrund der Religion nicht tolerant. „Ich will nicht pessimistisch sein, aber Sunniten und Schiiten werden sich noch Jahrhunderte bekämpfen.“

Das Gespräch führte Martin Hanser/APA


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