Der schnelle 70er mit den 80 PS

Von Oldtimer zu Oldtimer: Wolfgang Daurer schraubt seit über 50 Jahren an Steyr-Puch-Autos. Im Moment stehen vier Flitzer in seiner Werkstatt, mit einem gibt er besonders Gas.

Kleine Autos, große Liebe: Wolfgang Daurer steht in einem seiner vier Puch.
© Rudy de Moor

Von Matthias Christler

Innsbruck –Das rote „Pucherl“ steht in der Ecke einer Werkstatt in Innsbruck und wartet darauf, dass jemand den Zündschlüssel umdreht und den Motor des Oldtimers, Baujahr 1966, anschmeißt. Knapp 20 PS hatten die damals, das wird ein Schnurren. Wruuuuuum ... nicht dieser Steyr-Puch-Motor! Als Wolfgang Daurer aufs Gas steigt, wird es so laut, dass sich die Autofahrer am nahen Südring bei der Grassmayrkreuzung vermutlich umschauen, ob irgendwo ein aufgemotzter VW GTI durchstartet. „Meiner hat so 55, 60 PS“, präsentiert Daurer am Heck den luftgekühlten Boxermotor. Weil Ersatzteile für den Kleinwagen, der seit Mitte der 70er-Jahre nicht mehr produziert wird, kaum zu bekommen sind, muss Daurer erfinderisch sein. Eine Red-Bull-Dose blitzt zwischen den Motorteilen hervor. Was die macht, umschreibt er so: „Die verleiht Flügel“, lacht der 70-jährige Automechaniker und Hobby-Rennfahrer.

Seine Begeisterung wurde früh geweckt. Wenige Monate nachdem Daurer 1965 seinen Führerschein gemacht hatte, stieg er zum ersten Mal in einen Puch 500 ein. „Da hat die Spinnerei angefangen“, erinnert sich Daurer an seine erste Ausfahrt. Die rundliche Form ähnelt nicht ohne Grund dem Fiat 500. Um Geld zu sparen, wurde im Grazer Werk die Rohkarosserie des italienischen Bruders verbaut.

Daurer blieb dem Steirer treu und es gab seit der ersten Fahrt keinen Moment, in dem er nicht Besitzer eines Steyr-Puch war. Derzeit pflegt er vier Modelle. Zwei fürs „friedliche“ Ausfahren (in Hellblau und Orange) und zwei Rote zum Gasgeben. In der Werkstatt sind nur drei zu sehen, der vierte versteckt sich noch.

Der Werkstattbetrieb läuft neben Rennen und Ausflügen normal weiter. Mechaniker Bernhard kommt mit einem Metallteil und sagt, dass es falsch geliefert worden sei. Der Meister beruhigt: „Kein Problem, das bieg’ ich dann hin.“ Vor ihm am Tisch liegt ein Fotobuch für den Geburtstag, auf dem steht: „Wolfi, der schnelle 70er“. Das Telefon läutet und Daurer spricht mit einem Stammkunden. An der hinteren Wand des mit Pokalen und Modellautos vollgestellten Büros hängt ein Plakat von der „Steyr-Daimler-Puch-Aktiengesellschaft“, darauf zu sehen ein durchsichtiges Auto mitsamt Motor, Kabeln und allen anderen Teilen. Viele sind es nicht. In den neuen Autos sei so viel Elektronik verbaut, „die alten Kraxen haben nix vom dem Zeug“, schwärmt er über die Zeit, als Autos noch Autos waren und keine Computer auf vier Rädern.

Wie lang er im Geschäft bleiben wird, kann er nicht vorhersagen. Das kommt darauf an, ob und wann der Umbau der Grassmayrkreuzung erfolgt, denn dann müsste seine Werkstatt weichen. Die Ungewissheit hat einen Vorteil. So behielt die Werkstatt ihren, man kann sagen, rustikalen Charme. Daurer baute sie seit Jahren nicht mehr um. Es soll schon vorgekommen sein, dass Fußgänger vom Ende der Olympiabrücke herunterschauen und hereinspaziert sind, um Fotos von der Werkstatt zu machen, „weil sie das an alte Zeiten erinnert“.

Im Büro erledigt Daurers Frau Elisabeth, die er liebevoll „die Chefin“ nennt, den Papierkram. Ihr zur Seite stehen Lewis Hamilton und Gerhard Berger – als lebensgroße Papp­aufsteller. Für Daurer keine Frage, wen er von den beiden Rennfahrern bevorzugt: „Natürlich den Tiroler Bursch.“

Daurer hat immer einen guten Spruch auf den Lippen und das vor allem, wenn es um sein Hobby geht: Rennfahren. „Ich bin schon Rallye gefahren, da habe ich nicht einmal gewusst, wie man das Wort schreibt.“ Vergangenes Wochenende trat er in Oberösterreich bei einem Rennen an, wobei er, auch um seine Lieblinge zu schonen, „nicht mehr so mit den Messern zwischen den Zähnen fährt wie früher. Ich bin kein großer Zertrümmerer.“ Schnell ist er trotzdem. Es sei schon vorgekommen, dass er und sein Sohn in zwei Puch auf den Plätzen 1 und 2 landeten. Da geht es dahin oder wie Daurer sagt: „Hurra die Gams.“

Noch mehr Vergnügen bereitet ihm das Rennfahren im Winter, weil er hier auch modernen Autos den Auspuff zeigen kann. „Das ärgert die aufgemotzten VW fest, wenn sie hinter mir sind“, grinst Daurer. Er erzählt weiter und geht auf den Parkplatz vor die Werkstatt zu einem Lieferwagen, bei dem er die hinteren Türen öffnet. Da ist er. Der Puch 650 TR, Baujahr 66, die kleine rote Schönheit mit 80 PS – doppelt so viel Leistung wie im Originalzustand. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen und der Schrauber gibt es zu, während er dem Renner sanft auf die Karosserie tätschelt. „Ja, da haben wir mit ein wenig Elektronik nachgeholfen.“

Er lässt das Siegerauto heute ruhen und zwängt sich für eine Ausfahrt durch die schmale Tür in den hellblauen Puch 500, Baujahr 1961, den Wagen für friedliche Ausfahrten. Friedlich? Wolfgang Daurer, Baujahr 1947, tritt aufs Gas, der Motor heult auf und das Auto kratzt die Kurve. Ein Pärchen schaut ihm verdutzt hinterher. Wow, der Oldtimer kann richtig gut fahren.


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