“Lulu“: Nicht von dieser Welt

Das Theaterdebüt von Athina Rachel Tsangari verkommt bei den Salzburger Festspielen zur Enttäuschung. Ästhetisch starke Bilder überlagern die Charaktere von Frank Wedekinds „Lulu“, die gleich dreifach auftaucht.

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Von Christiane Fasching

Hallein –Wenn sich zwei Stunden wie vier anfühlen, man sich sehnlichst Jack the Ripper herbeiwünscht und das Publikum für laute Buhrufe zu ermattet wirkt, dann ist etwas schiefgelaufen. Dabei hatte Athina Rachel Tsangaris Regie-Idee für Frank Wedekinds ewiges Skandalstück „Lulu“ durchaus spannend geklungen: Der Vielschichtigkeit dieser faszinierenden Femme fatale wollte die griechische Filmregisseurin, die bei den Salzburger Festspielen ihr Theaterdebüt gab, mit dem Kniff der Verdreifachung Herr werden. Das Anfangsbild mutet herrlich unheimlich an, hier verdient sich die „Monstre- tragödie“ ihren Untertitel redlich: Einem schnaubenden, dreiköpfigen Ungeheuer gleich bäumen sich da Anna Drexler, Isolda Dychauk und Ariane Labend als verführerisch-verstörende Dreifaltigkeit auf – und machen aus Lulu einen alienhaften Fremdkörper, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Und schon gar nicht in diese Welt passt.

Aber Florian Lösches Bühne versperrt sich ohnedies vor der Realität: Unter einem dunkelgrauen Meer aus überdimensionalen Luftballonen, das an ein dystopisches Glasperlenspiel gemahnt, nimmt das Schicksal der Lulu(s) seinen Lauf. Ihre Verehrer schießen wie fleischfressende Pflanzen aus dem schwarzen Boden, auf dem keine Liebe sprießen will. Warum das im Gleichklang sprechende Trio, das zunächst im steifen Marionettengang aufmarschiert, irgendwann in rosa Barbapapa-Kokons (Kostüme: Beatrix von Pilgrim) gesteckt wird, erschließt sich jedoch nicht. Keine Frage: Ästhetisch geben diese Bilder durchaus was her, aber man geht ja nicht nur zum Schauen ins Theater. Wobei ein Bild das Problem von Tsangaris Inszenierung verdeutlicht: Einem Hamster gleich rollen die Lulus im Inneren von mannshohen Bällen durchs museumsreife Setting – an sie heran kommt niemand. Schon gar nicht der Zuschauer, dem der Charakter der Figur verschlossen bleibt. „Ich möchte nicht, dass die Schauspieler zu den dargestellten Figuren werden. Ich wünsche mir vielmehr, dass die Figuren sich in die Schauspieler verwandeln“, kündigt Tsangari im Programmheft an. Zumindest der erste Teil dieses Vorhabens ist ihr geglückt.

Lulu, die sich freimütig Eva, Katja, Mignon oder Frau Medizinalrat nennen lässt, ist zwar vieles, aber irgendwie ist sie einem dann auch egal. Emotionen vermögen auch Steven Scharf als Franz Schöning, Rainer Bock als Dr. Goll und Schigolch, Maik Solbach als Maler Schwarz und Graf Casti-Piani nicht auszulösen. Oder um sich am Sprachschatz von Rodrigo Quast zu bedienen, dem Benny Claessens ein clowneskes Profil verleiht: Das Schauspiel „fatigiert“. Nicht so Fritzi Haberlandt, die als Gräfin Geschwitz berührend Profil zeigt und als einzige Figur über ein – sie letztlich zerstörendes – Gefühl für Liebe verfügt. Ansonsten bleiben beim „Lulu“-Trilemma eindringliche Visuals in Erinnerung – die stierenden Augen, die aus den Luftballonen gigantische Pupillen machen, sind großes Kino. Großes Theater sieht allerdings anders aus.

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