Kirgisen werden echte Außerferner

Bestens integriert, hat eine siebenköpfige kirgisische Familie ihren neuen Lebensmittelpunkt in Reutte gefunden – und wundert sich über das Verhalten manch anderer Asylbewerber.

© Nikolussi Hans

Von Hans Nikolussi

Reutte – „Ich versteh’ nicht, dass manche Asylbewerber die Chance, die ihnen Österreich bietet, nicht nutzen und sich ohne Eigenverantwortung in der sozialen Hängematte einfach ausruhen“, meint der 43-jährige Nurlan Mamatov als Oberhaupt einer siebenköpfigen Familie in seinem Heim im 2. Stock eines Wohnhauses in der Reuttener Weidenstraße im Brustton der Überzeugung. Am Tisch im gemütlichen Wohnzimmer sitzen mit Ausnahme der ältesten Tochter Aizhan (21), die in Füssen lebt und arbeitet, seine Gattin Nazira und die Kinder Saikal (19), Kylymbek (17), Kyrmanbek (12) und Alibek (9).

Die Familie kommt aus Kirgisistan, oft auch Kirgistan genannt oder Kirgisien, amtlich „Kirgisische Republik“, einem zentralasiatischen Binnenstaat mit rund 5,5 Millionen Einwohnern. Kirgisistan, hervorgegangen aus der Kirgisischen SSR der Sowjetunion, erlangte seine Unabhängigkeit mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991. Als „Oppositioneller“ im postsowjetischen Land sah der Angestellte im Rathaus der Ein-Millionen-Hauptstadt Bischkek im Jahr 2006 keine Perspektiven mehr und fühlte sich zusehends politisch verfolgt. Verwandte und Bekannte wurden aus Diensten entfernt, gingen in den Untergrund oder verschwanden sogar. Der vormalige Landwirtschafts- und Jus-Student entschied sich mit seiner Familie zur Flucht nach Österreich, um dort einen Asylantrag zu stellen. Einem kurzen Aufenthalt in Wien folgte die Zuweisung ins Flüchtlingsheim Breitenwang. „Wir waren dort bei den ersten Familien. Die anderen drei kamen aus Tschetschenien, dem Kosovo und Afghanistan. In dieser Zeit wurden wir von Freiwilligen mit viel Einfühlungsvermögen großzügig unterstützt, wofür wir sehr dankbar waren“, schildert Nurlan Mamatov die erste schwere Zeit. Dass es österreichweit kaum andere Flüchtlinge aus Kirgisien gab, betrachtet er als keinen Nachteil. Die Familie musste also ohne eine „Community“ ihren eigenen Weg gehen. Deutschkurse im Außerfern gab es damals nicht, so machte sich der Kirgise jeden Tag mit dem Frühzug nach Innsbruck auf, um dort die Sprache seines künftigen Heimatlandes zu erlernen – was er als wichtigste Voraussetzung für ein Weiterkommen ansah. Sofort nach der Anerkennung als Flüchtling ist er dann 2008 ins Arbeitsleben eingestiegen. Zuerst im Gastgewerbe, bis sich dann eine Stelle bei Ceratizit im Pulver-Recycling ergab, wo er heute noch beschäftigt ist. Neben Haushalt und Kindererziehung schaffte es Mutter Nazira dennoch, Deutsch zu lernen und ihre Kenntnisse zu vervollständigen. Geholfen haben dabei neben v. a. auch die Kontakte zu Michaela Perktold, die immer wieder um Patinnen für Frauen in ähnlichen Situationen bemüht ist.

Seit gut zehn Jahren im Land haben sich die Mamatovs angepasst und lückenlos integriert. Mehr noch, Tochter Saikal, die eine erstklassige Matura an der HAK hingelegt hat und im Herbst am MCI in Innsbruck ihr Studium aufnehmen wird, hat versucht, etwas zurückzugeben und hat nach Kontakten mit Michaela Perktold vom Freiwilligenzentrum viel Zeit im Seniorenzentrum Reutte verbracht, um alten Menschen im Heim zur Seite zu stehen. Mutter Nazira wird ab Herbst in den Hörsälen der Innsbrucker Uni „fertig“-studieren. Der Frauenärztin, die in ihrer Heimat jahrelang praktiziert hat, fehlt nämlich die österreichische Zulassung. Denn nun lässt die flügge werdende Kinderschar das Studium zu. Ihr größter Wunsch: einmal am Bezirkskrankenhaus Reutte arbeiten zu können.

Kylymbek besucht die HAK, Kyrmanbek die Neue Mittelschule und Alibek lernt vor Ort in der Volksschule Archbach. Zu Hause spricht der Vater mit den Kindern die „Muttersprache“, die Mutter hingegen Deutsch. So werden die Wurzeln nicht vergessen, die Umgangssprache jedoch nicht vernachlässigt. Russisch, als ehemalige Staatssprache, wird von den Eltern natürlich beherrscht, die jüngeren Kinder stehen dem Erlernen aber eher skeptisch gegenüber. Die beiden Jüngsten bezeichnen Russisch zwar als „cool“, aber das war’s schon. Anders bei Saikal. Sie hat ihr Englisch bei einem Sprachaufenthalt in New York vervollständigt und spricht auch noch Französisch. Bei ihrem Studium in Innsbruck am MCI, wo in Englisch unterrichtet wird, wird ihr das Sprachentalent sehr helfen.

Familie Mamatov ist in ihrer neuen Heimat angekommen, besitzt nun die österreichische Staatsbürgerschaft und fühlt sich fernab ihres zentralasiatischen Ursprungs pudelwohl im Außerfern.


Kommentieren


Schlagworte