Flucht im Güterzug - „Das Warten gehört eben einfach dazu“

Steinach am Brenner (APA) - Am Brenner wird ab sofort verstärkt kontrolliert. Natürlich, ganz gemäß dem Schengen Abkommen, nicht direkt an d...

Steinach am Brenner (APA) - Am Brenner wird ab sofort verstärkt kontrolliert. Natürlich, ganz gemäß dem Schengen Abkommen, nicht direkt an der Grenze. Mit Unterstützung des Bundesheeres sollen unter anderem die Güterzüge auf sich versteckende Flüchtende untersucht werden. Bei einem Medientermin in der Nacht auf Freitag fanden diese Kontrollen noch ohne Bundesheer statt, ab heute macht man aber gemeinsame Sache.

Auf 23.00 Uhr hat die Landespolizeidirektion Tirol den Medientermin am Bahnhof in Steinach am Brenner anberaumt. Durchaus keine übliche Zeit dafür. Gekommen sind dennoch zahlreiche lokale, nationale und auch deutsche Medien.

Entgegen der ursprünglich anderslautenden Ankündigung fanden die Kontrollen in dieser Nacht ohne das Bundesheer statt. Kurz vor 23.00 Uhr hat Christoph Kirchmair, stellvertretender Bezirkspolizeikommandant Innsbruck Land und Einsatzleiter der nächtlichen Kontrollen, dann auch die Erklärung für die Pressevertreter parat. Der Assistenzeinsatz des Heeres habe auf einen Ministerratsbeschluss aus dem Jahr 2015 basiert. Darum seien kurz Zweifel aufgekommen, ob der Beschluss auch ausreiche. Mittlerweile sei der neue Beschluss vorhanden, ab Freitag kontrolliere man nach einem ausgesetzten Tag wieder gemeinsam.

Mittlerweile ist es 23.15 Uhr. Schnell wird deutlich, dass Güterzüge nicht nach Plan und genauer Ankündigung fahren. Nach kurzer Rückfrage des Einsatzleiters der ÖBB ist rasch klar, dass nicht vor 0.45 Uhr mit dem ersten Güterzug zu rechnen ist. Jetzt heißt es eineinhalb Stunden warten. „Das Warten gehört eben einfach dazu“, merkt Kirchmair an. Jetzt stehen die Polizistinnen und Polizisten am Bahnhof von Steinach still. Unterhalten sich leise. Es macht den Anschein nach der sprichwörtlichen Ruhe vor dem ungewissen Sturm. Mögliche Aufgriffe werden erwartet.

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Die Wartezeit füllt man mit Analysen und Grundsatzwissen. In letzter Zeit habe man eine Tendenz dazu feststellen können, dass Flüchtende sich auf Güterzügen verschanzen, führt etwa Manfred Dummer, Leiter des Büros für Öffentlichkeitsarbeit, aus. Im Juli habe es 49, im August bisher 28 Aufgriffe gegeben, berichtet er. Die Menschen kämen vorwiegende aus Somalia, Gambia, Nigeria aber auch beispielsweise aus Marokko. Die Schwerpunktkontrollen der Güterzüge fänden stets von 23.00 bis 3.00 Uhr statt.

Um 0.45 Uhr hat das Warten auf den ersten Güterzug ein Ende. Noch weiß man nicht, welche Art von Güterzug es sein wird. Aus der Ferne lassen sich keine Diagnosen stellen. Als der Zug am Bahnhof steht, weiß man, dass es ein „guter Zug“ ist, wie es ein Beamter formuliert. Damit meint er, dass sich dort womöglich tatsächlich Flüchtende verstecken könnten. Sie finden bei solchen Zügen Platz in den Zwischenräumen unter den aufgesetzten Containern.

Es ist bereits 0.59 Uhr, als die Kontrollen beginnen können. Eine solche dauert bis zu dreißig Minuten. Die Kontrolle startet als der ÖBB-Einsatzleiter „Sicherheit hergestellt“ per Funk durchgibt. Sodann kann die Suche losgehen. Der Güterzug ist knapp 400 Meter lang. Der erste Aufgriff lässt dennoch keine zehn Minuten auf sich warten. In einem Zwischenraum haben sich zwei Männer mit je einem Rucksack verkrochen. Zuerst reagieren sie nicht auf Ansprache der Polizisten. Wenigen Minuten später kommen sie aber freiwillig aus ihrem gefährlichen Unterschlupf und leisten keinerlei Widerstand. Die Männer sehen erschöpft aus. Man bringt sie zu einem Sammelpunkt.

Der nächtliche Kontrolleinsatz ist aber noch nicht zu Ende. Die Zeit bis zum nächsten Güterzug ist deutlich kürzer. „Etwa zwanzig Minuten“, meint der ÖBB-Einsatzleiter lakonisch. Auch einen dritten Güterzug kontrolliert man in dieser Nacht noch. Zu weiteren Aufgriffen kommt es nicht mehr.

Vom Sinn der Kontrollen ist man während der ganze Nacht überzeugt. Die Flüchtenden haben Smartphones und kommunizieren ständig miteinander, merkt Manfred Dummer an. Die Kontrollen bei den Güterzügen würden sich also herumsprechen.

Der Einsatz und die Aufgriffe sind allen nahe gegangen. Besonders den Medienvertretern merkte man die Betroffenheit an. Als die Aufgegriffenen aus ihren Verstecken kamen, stand dem einen oder anderen die Überforderung angesichts dieser Situation ins Gesicht geschrieben. Bei aller Professionalität ging es den Polizisten zum Teil nicht anders. Sie reagierten nur anders, abgeklärter.

Was die Zukunft bringt? Man weiß es nicht so Recht. Ab heute ist man jedenfalls mit dem Soldaten des Bundesheers bei nächtlichen Güterzugkontrollen unterwegs. Dieses übernimmt in diesem Rahmen vornehmlich Sicherungsaufgaben. Für den großen Ansturm ist man jedenfalls gerüstet. Auch ganz ohne Panzer.


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