Spione im Tal der Schmerzen

Der ehemalige Stuntman David Leitch entwirft in seinem Regiedebüt „Atomic Blonde“ über die letzten Geheimnisse des Kalten Krieges ein neues Image für Charlize Theron.

Mit platinblonder Perücke war Charlize Theron 2017 im Kino zu sehen.
© UPI

Von Peter Angerer

Innsbruck –Nach Ronald Rea­gans Aufforderung „Mr. Gorbachov, tear down this wall!“ dauerte es noch einmal zwei Jahre, bis im November 1989 der Eiserne Vorhang zerrissen, die Berliner Mauer in attraktive Betonstücke für Museen und Sammler geschremmt wurde und der Kalte Krieg zwischen freier Welt und dem „Reich des Bösen“ ein Ende fand. Mit dieser Geschichtslektion eröffnet David Leitch seine Kinoadaption „Atomic Blonde“ nach der Graphic Novel „The Coldest City“ von Antony Johnson und Sam Hart.

Nach der Rede des US-Präsidenten singt David Bowie „Cat People“. Der MI6-Agent Agent Gascoine (Sam Hargrave) wird scheinbar wegen seiner Armbanduhr das Opfer eines Raubüberfalls, doch in der Uhr ist ein Dokument mit einer Namensliste verborgen, die in der Lage sein könnte, „den Kalten Krieg um mindestens 40 Jahre zu verlängern“. Das sagt die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron), die ihrem geschundenen, von Hämatomen übersäten Körper in einer mit Eiswürfeln gefüllten Badewanne eine Erfrischung gönnt, um anschließend ihre Vorgesetzten in London von den Ereignissen in Berlin informieren zu können. Neben „C“ (James Faulkner) und Eric Gray (Toby Jones war bereits im Kalten-Krieg-Thriller „Dame, König, As, Spion“ dabei) drängt sich gegen Lorraines Willen auch der CIA-Mann Emmett Kurzfeld (John Goodman), der US-amerikanische Interessen schützen soll, die den britischen – das weiß man seit den Romanen John le Carrés – diametral entgegenstehen, weshalb die Amerikaner in le Carrés Circus die „Vettern“ waren, die mit Scheininformationen abgespeist wurden. In „Atomic Blonde“ bedeutet die Verhörsituation zuerst einmal eine Verlangsamung der Erzählung. Die Ereignisse liegen eine Woche zurück, andererseits trügt Lorraines Erinnerung, da die Rückblenden eine ganz andere Geschichte erzählen. Die ersten Zweifel werden bei Regierungsbeamten und Zuschauern gesät.

Nach Gascoines Ermordung soll Lorraine den MI6-Statthalter David Percival (James McAvoy) bei der Such­e nach der Uhr und anderen Geheimnissen zur Hand gehen, denn die zehn Jahre Dienst in der geteilten Stadt haben den Agenten in einen Freak verwandelt. Neben den Hits der Ära wie „Major Tom“ oder „Der Kommissar“ liegt vor allem Verrat in der Luft. Hinter jeder Tür, die Lorraine mal im Westen, mal im Osten Berlins öffnet, warten bereits DDR- oder Sowjet-Killerkommandos. Bei diesen Konfrontationen ist zu sehen, warum David Leitch zu seinem ersten Regieauftrag gekommen ist. Seit der „Matrix“-Serie stand Leitch bei allen großen Hollywood-Produktionen als Stunt-Choreograph auf den Besetzungslisten.

Für die südafrikanische Oscargewinnerin Charlize Theron entwarf Leitch minutenlange Actionszenen, die ohne einen Schnitt wie eine Ballettchoreographie anmuten und ein Gefühl für das Eintauchen in das Tal der Schmerzen vermitteln und jeweils mit dem Auftauchen aus einem Eisbad enden. Diese Faszination für das schmutzige Geschäft der Gewalt und des Tötens hat natürlich auch ihren Preis, sieht man einmal von der unverschlüsselten Botschaft ab, Charlize Theron, die „Atomic Blonde“ auch produziert hat, wolle sich als Jane Bond ins Spiel bringen. Leitch vergisst über den Schauwerten die Figuren und das Erzählen, weshalb die ironische Pointe der Vorlage untergeht.


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