Auf ein Picknick mit Karl Marx

„Hampstead Park – Aussicht auf Liebe“ ist ein Märchen über ein Nobelviertel in London.

© Einhorn Filmverleih

Innsbruck –Emily Walters (Diane Keaton) und Donald Horner (Brendan Gleeson, derzeit auch als Patriarch in „Das Gesetz der Familie“ zu sehen) sind noch nicht in jenem Alter angekommen, dass sie sich auf dem Friedhof fragen müssen, ob sich der Weg nach Hause noch lohnt. Die amerikanische Witwe besucht die letzte Ruhestätte im Nobelviertel Hampstead, um ihren verstorbenen Mann zu beschimpfen, denn in dessen Bankschließfach fanden sich statt erwarteter Aktien nur anzügliche Fotos seiner jungen Geliebten. Der irische Obdachlose sucht vor einer Marmorbüste Schatten und Stille. Emily weiß wahrscheinlich gar nichts von Karl Marx, sie reagiert auch nicht auf die Ähnlichkeit von Büste und Mensch, vielleicht möchte der Mensch aber eine Petition gegen das die Gesundheit gefährdende Überhandnehmen der Handymasten im feinen Viertel unterschreiben? Aber Donald verfügt nicht einmal über ein Handy, weshalb ihn das Anliegen nicht überzeugt. Als Unterzeichner der zweiten Petition kommt Donald ohnehin nicht in Frage, da sie sich gegen seine Anwesenheit in Hampstead richtet.

Seit 17 Jahren lebt der bärtig­e Sandler in einer Bretterbude im nahen Park, zieht dort frech sein eigenes Gemüse, badet nackt im See­rosenteich und drückt damit den Wert der Immobilien. Anrainer wie Emilys Nachbarin Fiona (Lesley Manvill­e) rümpfen auch über die ästhetische Zumutung die Nas­e, aber da kommen Emily schon die ersten Zweifel an den Klassenunterschieden. Sie ist dabei, nicht nur wegen ihrer romantischen Gefühle, sozial abzustürzen.

Manchmal ist Berufung ein Zufall, manchmal eine Bestrafung. Für den britischen Regisseur Joel Hopkins sind seit seinem Debüt vor 20 Jahren jedenfalls romantische Komödien zum Markenzeichen geworden, und wann immer irgendwo ein Drehbuch herumliegt, das sonst niemand angreifen möchte, ist er der perfekte Mann. Kaputte Ehen, die sich wieder kitten lassen, verkorkste Biografien, die sich an einem Wochenende in eine Erfolgsgeschichte verwandeln, Hopkins kann daraus eine Komödie machen. Mit „Hampstead Park“ gelingt ihm sogar ein dialektisch zynisches Sozialmärchen. Aus dem Obdachlosen wird ein Millionär, der einer verarmten Witwe unter die Arme greifen kann. (p. a.)

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