Pretterhofers „Tagwache“ - Verstörender Alltag im Grundwehrdienst

Wien (APA) - Zunächst sind es nur kleine Schikanen, die Rekrut Lampl im Bundesheer-Grundwehrdienst stillschweigend über sich ergehen lässt. ...

Wien (APA) - Zunächst sind es nur kleine Schikanen, die Rekrut Lampl im Bundesheer-Grundwehrdienst stillschweigend über sich ergehen lässt. Nur nicht auffallen, ist seine Devise. Doch am Ende steht er einfach nicht mehr aus seinem Feldbett auf. In seinem Debütroman „Tagwache“ gibt Jakob Pretterhofer einen erschütternden Einblick in eine Welt, die jüngst nach einem tragischen Todesfall ins Rampenlicht geriet.

Vorweg - „Tagwache“ steuert auf keine große Katastrophe zu, nimmt sich keines Skandals an, um das Bundesheer an den Pranger zu stellen. Vielmehr nimmt sich der 1985 in Graz geborene Autor jener Zwischentöne an, die im Getöse oft untergehen. Distanziert und dennoch ganz nah an seinen Protagonisten beschreibt er alltägliche Abläufe, kleine Malheurs und ihre disziplinären Auswirkungen, bildet Szenen ab, wie sie wohl viele junge Männer in diesem Land erlebt haben, ohne ein Trauma davongetragen zu haben - oder eben doch. Pretthofer entführt in eine Welt aus Disziplin und Gemeinschaftsgefühl, einen Alltag zwischen derben Sprüchen und spätpubertärer Identitätssuche.

Seine große Stärke liegt dabei in der multiperspektivischen Darstellung: Da ist Wachtmeister Hütter, der nach einem verpfuschten Start ins Leben beim Bundesheer Halt gefunden hat, der seinen Rekruten durchaus mit Empathie begegnet, dessen Ehefrau ihn möglichst nicht in Uniform sehen will, und der sich ein Jahr nach dem Selbstmord eines Grundwehrdieners immer wieder fragt, ob er diesen verhindern hätte können. Er hat sich in die Strukturen eingefunden, reflektiert aber sein Tun und Lassen. Und dann ist da Thomas Lampl, ein schüchterner junger Mann mit schmaler Statur, der sein dünnes „Hier!“ bei der Anwesenheitskontrolle so lange brüllen muss, bis er wirklich gehört wird. Als er eines Tages bei einem fiktiven ABC-Alarm keine Maske im Gepäck hat und daraufhin auch seine Kollegen bestraft werden, nimmt die Mobbing-Spirale ihren unheilvollen Lauf.

Immer wieder springt Pretterhofer zwischen seinen beiden Protagonisten hin und her, taucht ein in Lebenswelten innerhalb und außerhalb der Kaserne. Auf der einen Seite Hütter, der sich mit seiner Frau über den Erwerb eines Reihenhauses freut, auf der anderen Seite Lampl, der am Wochenende von der Steiermark nach Wien rast, um seine ihm entschwindende erste Freundin zu besuchen. Innerhalb der Kasernenmauern wird Individualität aber klein geschrieben, Menschlichkeit wird ausgeblendet. Aus Furcht vor weiteren Kollektivstrafen erduldet der junge Mann Demütigungen, Schläge, Kaltwasser-Attacken und schlimmere Quälereien durch seine Kollegen, nur um immer öfter zur Zielscheibe zu werden. Doch als eines Tages eine Tankstelle von einem Mann in Uniform beschossen wird, zieht sich die Schlinge zu. In der Kaserne muss rasch ein Schuldiger gefunden werden...

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Im Laufe der 224 Seiten lernt der Leser auch die Zimmergenossen Lampls kennen, verfolgt in kurzen Kapiteln ihr privates Treiben und ihre Ängste und Träume. Hier hätte man sich jedoch mehr Tiefe gewünscht, die allzu kurzen Episoden bleiben schablonenhaft und bilden nur einen angedeuteten Kontrast zu den Welten von Hütter und Lampl.

Am Ende ist es jedenfalls nicht nur der Rekrut, der es einfach nicht mehr aus dem Bett schafft. Zwischen Verantwortung, Disziplin und versuchter Menschlichkeit wird auch Hütter aufgerieben, wie Pretterhofer bereits ganz zu Beginn des Romans andeutet. Dabei prangert er weder an, noch liefert er mögliche Lösungen. Er zeigt in seiner nüchternen, aber umso präziseren Sprache schlicht und einfach, was möglich ist.

Bei der Lektüre fragt man sich zwangsläufig, an welche Leser sich der Roman denn nun richtet. Ehemalige Grundwehrdiener werden sich in ihren Erfahrungen bestätigt sehen, ob sie sie literarisch aufgearbeitet erneut durchleben wollen, bleibt fraglich. Bundesheer-Angehörige erhalten einen - ihnen wahrscheinlich bekannten - Einblick in das Innenleben der jungen Männer. Schüler werden sich nach dem Lesen wahrscheinlich dreimal überlegen, wie sie ihre Zukunft gestalten. Eltern dreht es an manchen Stellen den Magen um, Freundinnen könnten ein wenig besser verstehen, was in ihren verstörten Freunden vorgeht.

Wie auch immer die Ausgangslage sein mag - „Tagwache“ ist eine verstörende Lektüre, die man aufgrund der sich kontinuierlich aufbauenden Spannung zwar oft nicht unterbrechen möchte, die einen aber in einen Gemütszustand versetzt, dem man sich doch gerne wieder entziehen möchte. Kurzum: ein Buch, das in diesem traurigen Sommer einen Nerv trifft, ohne ihn ganz freizulegen.

(S E R V I C E - Thomas Pretterhofer: „Tagwache“, Luftschacht Verlag, 224 Seiten, 23,70 Euro)


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