Manager, Juristen, Politiker: Wer um die Zukunft der Air Berlin ringt

Wien/Berlin/Schwechat (APA/dpa-AFX) - Nach dem Insolvenzantrag der Air Berlin zeichnet sich ab, dass die Fluggesellschaft und ihre - bisher ...

Wien/Berlin/Schwechat (APA/dpa-AFX) - Nach dem Insolvenzantrag der Air Berlin zeichnet sich ab, dass die Fluggesellschaft und ihre - bisher nicht insolvente - Österreich-Tochter Niki von Konkurrenten übernommen wird. Ganz vorn dabei ist die deutsche AUA-Mutter Lufthansa. Noch heute, Freitag, sollten die Verhandlungen beginnen. Zu den Akteuren gehört ein Leiter des Insolvenzverfahrens und indirekt auch die deutsche Bundesregierung.

Auch in Österreich ist die Absicherung von Niki mit derzeit tausend Beschäftigten zur Chefsache geworden.

Ein Überblick:

LUFTHANSA

Der umsatzstärkste Luftverkehrskonzern Europas, dem in Österreich schon die AUA (Austrian Airlines) gehört, treibt die Übernahme der Air Berlin bereits seit Monaten in Gesprächen mit der Politik und dem Großaktionär Etihad voran. Ein erster Erfolg war die im Jänner genehmigte Anmietung und faktische Übernahme von 38 Mittelstrecken-Maschinen, rund ein Viertel der Air-Berlin-Flotte. Lufthansa-Chef Carsten Spohr will nun mindestens ein weiteres Viertel für seine Billigflieger-Gruppe Eurowings sichern, die zusätzliche Maschinen und Slots für die Mittel- und die Langstrecke sucht. Für sein Ziel, den Billigflieger Ryanair von den größeren deutschen Flughäfen so weit es geht fernzuhalten, muss Spohr aus Wettbewerbsgründen größere Marktanteile anderer Anbieter wie der Easyjet in Kauf nehmen. Die Lufthansa gilt auch als möglicher neuer Eigentümer der Niki.

DIE ANDEREN INTERESSENTEN

Außer der Lufthansa sind nach Angaben von Air Berlin noch zwei weitere Interessenten im Geschäft. Nach dpa-Informationen sind Gespräche mit Easyjet und Tuifly geplant. Der Reiseveranstalter Thomas Cook mit seiner Ferienflugtochter Condor bekundete Interesse an einer „aktiven Beteiligung an der Zukunft von Air Berlin“. Ein Teil der Thomas-Cook-Feriengäste kommt mit Air Berlin ans Ziel.

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ETIHAD

Der Staatskonzern aus Abu Dhabi ist seit 2012 Großaktionär von Air Berlin mit einem Anteil von 29,2 Prozent. Wenige Tage, nachdem Etihad die Unterstützung entzogen hatte, sah sich Air Berlin zur Insolvenzanmeldung gezwungen. Ein Großteil der Schulden von Air Berlin in Höhe von 1,5 Mrd. Euro dürfte am Partner hängenbleiben, der mehrere Kredite gegeben hat. Etihad wehrt sich gegen den Eindruck, Air Berlin im Stich gelassen zu haben. Das Unternehmen habe im April nochmals 250 Mio. Euro eingeschossen. Angesichts der „sich rapide verschlechternden Geschäftsergebnisse und Liquidität“ wollte Etihad aber nicht noch mehr Geld in Air Berlin pumpen.

RYANAIR

Der Passagier-Europameister Ryanair hat bereits mehr als 300 Flugzeuge und bekommt grob gesagt jedes Jahr 50 neue hinzu, für die in ganz Europa Punkt-zu-Punkt-Strecken gesucht werden. Derzeit gilt das größte Interesse der Iren Deutschland und Italien, wo mit Alitalia und Air Berlin jeweils eine verkehrsreiche Airline in die Insolvenz gegangen ist. Deren Verbindungen würde Ryanair-Chef Michael O‘Leary liebend gern übernehmen, die Flugzeuge und teils teuren Crews eher nicht. In Italien gehört Ryanair zum Bieterkreis für das Alitalia-Erbe, in Deutschland fühlen sich die Iren durch den Lufthansa-Deal ausgebootet und haben kartellrechtliche Schritte angekündigt. In der politischen Auseinandersetzung macht ihnen ihr schlechtes Sozial-Image als Arbeitgeber zu schaffen.

DIE INSOLVENZEXPERTEN

Gleich zwei Top-Sanierungsexperten sind in die Rettungsbemühungen für Air Berlin involviert. Der Jurist Frank Kebekus sitzt als Generalbevollmächtigter an der Seite von Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann im Cockpit. Sein Credo: So viel „business as usual“ hinbekommen. Das Duo Kebekus/Winkelmann leitet die Verkaufsverhandlungen.

Der zweite Insolvenzexperte, Lucas Flöther, überwacht als vorläufiger Sachwalter im Auftrag der Gläubiger alle Vorgänge. Beide Rechtsanwälte kennen einander seit Jahren vom Gravenbrucher Kreis. In diesem Verband sind die 30 führenden Insolvenzverwalter organisiert.

Kebekus war zuletzt unter anderem als Insolvenzverwalter beim Modekonzern Steilmann gefragt. Flöther wurde bereits zwei Mal mit der Rettung des Fahrradherstellers Mifa betraut und beschäftigte sich mit der Pleite des Leipziger Internetunternehmens Unister.

REGIERUNG IN DEUTSCHLAND

Die Bundesregierung hat es durch schnelles Handeln ermöglicht, dass über die Zukunft Air Berlins in halbwegs geordneten Bahnen geredet werden kann. Ohne den Brückenkredit von 150 Mio. Euro hätte die Fluggesellschaft sofort den Betrieb einstellen müssen, Zehntausende Passagiere wären an ausländischen Flughäfen gestrandet. Nun hält es Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) für dringend geboten, dass die Lufthansa wesentliche Teile der insolventen Airline übernimmt. Allerdings sitzt die Regierung nach eigenen Angaben nicht mit am Verhandlungstisch.

REGIERUNG IN ÖSTERREICH

In Österreich haben Bundeskanzleramt und Verkehrsministerium zugesagt, der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki mit Nothilfen unter die Arme greifen zu wollen, sollte es auch bei Niki auf eine Insolvenz hinauslaufen. Diese Gefahr sieht die Regierung für Niki aktuell aber nicht gegeben.

DIE WETTBEWERBSBEHÖRDEN

Das deutsche Bundeskartellamt, die österreichische Bundeswettbewerbsbehörde und vor allem die EU-Kartellwächter müssen überprüfen, ob durch die Übernahme von Air Berlin nicht eine beherrschende Stellung in Teilbereichen des Luftverkehrsmarktes besteht. Das könnte auf einigen europäischen Strecken so sein, wenn sie Lufthansa zufallen. Ryanair hat bereits bei beiden Behörden Beschwerde eingelegt. Die Insolvenz sei künstlich herbeigeführt worden, es gebe ein „Komplott“ von deutscher Regierung, Lufthansa und Air Berlin gegen die Konkurrenz.

~ ISIN GB00B128C026 DE0008232125 WEB http://www.airberlin.com

http://www.flyniki.com

http://www.lufthansa.com/ ~ APA322 2017-08-18/14:44


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