Wien war einmal: Karin Peschkas Erzählband „Autolyse Wien“

Wien (APA) - Wien war einmal. „Wien? Unbewohnbar.“ - „Wien? Ausgelöscht.“ - „Wien? Eine Erinnerung.“ - „Wien? Endstation.“ Mit knappen Ansag...

Wien (APA) - Wien war einmal. „Wien? Unbewohnbar.“ - „Wien? Ausgelöscht.“ - „Wien? Eine Erinnerung.“ - „Wien? Endstation.“ Mit knappen Ansagen beginnen die rund drei Dutzend „Erzählungen vom Ende“, die Karin Peschka in einem literarischen Konzeptalbum zusammenfasst, das die typische Todesnähe und den schwarzen Humor der Wiener an Schwärze noch weit übertrifft. „Autolyse Wien“ spielt auf einem Trümmerhaufen.

Was genau passiert ist, wissen Gerrit und Gertrude, Imre und Ivelina nicht, die ebenso wie viele andere namentliche oder namenlose Überlebende im ersten Teil des eben erschienenen Buches in kurzen Texten präsentiert werden. Die Katastrophe kam gänzlich unerwartet, im späten Frühling, und sie könnte ein schweres Erdbeben ebenso gewesen sein wie der Einsatz einer Vernichtungswaffe im ultimativen globalen Krieg. Es geht Peschka nicht um das Ereignis, das alles verändert, sondern um die von ihm ausgelösten Veränderungen. Es geht ihr um Überlebensstrategien und Selbstauflösungstendenzen in einer Zeit, die man nicht erleben möchte: postapokalyptisch, posthistorisch, postdigital, postsozial und fast schon postzivilisatorisch.

Leicht kommt man nicht in das Buch hinein, und es dauert einige Zeit, bis sich das Konzept erschließt und sich der von der zusammengestürzten Stadt aufgewirbelte Staub über dem Trümmerhaufen, der einmal Wien war, für den Leser lichtet. Dann beginnen sich die einzelnen Episoden, die manchmal weder besonders originell noch besonders spannend wirken, zu einem Gesamtbild zu fügen. Im Umgang mit dem Unerhörten gibt es Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Man erinnert sich an Tools aus Büchern, Kursen oder Zombie-Filmen und meidet die Gruppe. Im persönlichen Überlebenskampf ist sich jeder selbst der Nächste - und der geübte Heimwerker oder passionierte Kleingärtner eindeutig im Vorteil.

Langsam schreitet Karin Peschka „Die Straße“ von Cormac McCarthy entlang, einer zehn Jahre alten Dystopie mit ähnlicher Ausgangslage. Unnötige Grausamkeiten erspart sie uns jedoch, und manchmal leistet sie sich auch kleine Pointen - etwa wenn ein Paar, das sich eben trennen wollte, weil der Mann einem hysterisch wirkenden Katastrophenschutz huldigte, durch das eingetretene Unglück wieder zusammenkommt, oder ein Selbstmörder seine geplante Tat nicht mehr ausführen kann, weil die Stadt selbst vorher kollabiert. Es gibt im langsamen Wechsel der Jahreszeiten auch eine überlebende Großfamilie, deren Vater dem religiösen Wahn verfällt, oder eine Gruppe von Handwerkern, die sich unverdrossen an ihren persönlichen Wiederaufbauplan macht.

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Der Titel des Buches erschließt sich erst mit seinem zweiten Kapitel, wenn ein erzählendes Ich übernimmt und in sieben Etappen seinen eigenen Umgang mit der Situation schildert: Der Sternwartepark dient als versperrbares Refugium für das Überleben und darüber hinaus. Der Erzähler bereitet sein eigenes Bio-Grab vor, denn „wenn es niemanden mehr gibt, der dich begraben kann, musst du dich selbst darum kümmern“. Nicht einfach verschimmeln und verrotten oder gar von wilden Tieren gefressen werden, lautet das Ziel, sondern kontrolliertes Eingehen in die Natur: „Ich wusste, jede Zelle trägt in sich das Enzym zur Autolyse. Nach dem Tod beginnt die Selbstverdauung, die Selbstauflösung. Das Abgestorbene frisst sich auf.“

Letzter Gefährte von „Ich“ ist ein Hund, und Hunde spielen auch eine große Rolle im letzten Teil des Buches, das man vom Wettlesen um den Bachmann-Preis kennt. Peschkas dort gelesener und mit dem Publikumspreis honorierter Text „Wiener Kindl“ stellt sich nun als Auftakt des drei längere Erzählungen umfassenden Schlusskapitels des Buches dar: Ein überlebendes kleines Kind findet in einem Rudel Hunde seine neue Peer-Group - eine Zweckgemeinschaft, die Jurorin Sandra Kegel in Klagenfurt an das Sujet „Mowgli im Wienerwald“ erinnerte. Hier nimmt sich Peschka, die mit ihren Romanen „Watschenmann“ (2015) und „FanniPold“ (2016) für Aufsehen sorgte, noch einmal viel Zeit und schildert empathisch und detailreich diese ungewöhnliche Mensch-Tier-Beziehung in einer Situation, die wenig Hoffnung lässt.

Peschka zeigt in „Autolyse Wien“ durchaus Sympathie für ihre Figuren. Sie macht sich nur keine Illusionen. Und erzeugt ganz ohne Gewaltexzesse und Thrillerelemente eine Bedrücktheit, die man schwer abschütteln kann: Vielleicht sollte man doch noch mit aller Kraft versuchen, das Beste aus dieser Welt zu machen. Denn der nächste Neuanfang wird sehr, sehr schwer.

(S E R V I C E - Karin Peschka: „Autolyse Wien - Erzählungen vom Ende“, Otto Müller Verlag, 180 S., 20 Euro; Nächste Lesung: 7. September, 19 Uhr, Österreichische Gesellschaft für Literatur, Wien 1, Herrengasse 5)


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