Schimmel, Dreck und historische Spuren in Berner Gurlitt-Werkstatt

Bern (APA/dpa) - Zeichnungen, Gouachen, Holzschnitte, Werke von Liebermann, Dix, Macke und andere Werke, die die Nazis als „entartete Kunst“...

Bern (APA/dpa) - Zeichnungen, Gouachen, Holzschnitte, Werke von Liebermann, Dix, Macke und andere Werke, die die Nazis als „entartete Kunst“ brandmarkten und aus Galerien und Museen räumen ließen, werden nun in Bern restauriert und ab November im Kunstmuseum gezeigt. Die Schweiz sei einst „Umschlagplatz für Raubgut und Fluchtgut aus NS-Deutschland und den besetzten Gebieten“ gewesen, so eine Experten-Kommission.

Über weiße Klebefolien am Boden geht es in die eigens gebaute Gurlitt-Werkstatt. Auf diese Weise soll der Schmutz an den Schuhen der Besucher ferngehalten werden. Vertrackter sei die Arbeit mit dem Schimmel, der teils in Papier und Passepartouts eingedrungen ist. „Die Werke wurden nicht gut gelagert, es gibt eine starke Oberflächenverschmutzung und viele eingerissene Ecken und Kanten“, sagte Restauratorin Dorothea Spitza. Zum Werkzeug der Fachleute gehören winzige Düsen, um Oberflächen schonend abzusaugen, Wattestäbchen für Lösungsmittel, Skalpelle zum Abtragen etwa von Kleberückständen. Eine akribische Arbeit, bei der die Restauratorinnen Schutzanzügen und Masken tragen.

Eine Restauratorin ergänzte am Rand einer Zeichnung von Christian Rohlfs eine fehlende Ecke. „Wir müssen damit die Bruchkante sichern, aber das neue Papier bleibt eine Schattierung heller, um stets sichtbar zu machen, dass es nachträglich angefügt wurde“, sagte sie. An einer Liebermann-Zeichnung glänzten Klebereste. „Wir fragen uns immer: sind solche Spuren schädigend für das Objekt?“ sagte Spitza. Wenn nicht, bleiben sie, wie etwa Vergilbungen. „Wir wollen ja nicht die Geschichte des Werkes eliminieren. Die ästhetische Seite spielt keine Rolle für uns.“

Besucher können den Restauratorinnen durch ein großes Fenster zuschauen oder an Führungen durch die Werkstatt teilnehmen. Dort werden zunächst die rund 200 Werke unter die Lupe genommen, die unter dem Thema „Entartete Kunst“ ab November ausgestellt werden. Das Kunstmuseum Bern hat ein schweres Erbe angetreten. Die Werke stammen aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt, Sohn eines der Kunsthändler von Adolf Hitler, Hildebrand Gurlitt. Bis 2012 war unbekannt, dass Gurlitt rund 1.500 Werke in seinen Wohnungen hatte, teils achtlos gestapelt. Der Fund war eine Sensation. Dass er das Kunstmuseum vor seinem Tod 2014 als Erbe einsetzte, war eine Überraschung. „Die Sammlung kommt mit einer großen Verantwortung“, sagte die Direktorin des Museums, Nina Zimmer, der Deutschen Presse-Agentur.

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Dazu gehört etwa aufzuklären, woher die Werke stammen. Raubkunst ist es nicht, wie Experten geklärt haben, es handelt sich vielmehr Werke, die die Nazis als „undeutsch“ aus Museen entfernt hatten und verscherbeln ließen. Dafür war die Schweiz ein Umschlagplatz. Der Galerist Theodor Fischer spielte eine zentrale Rolle. Er war mit Gurlitts Vater Hildebrand befreundet und hatte in Luzern das größte Auktionshaus der Schweiz.

Am 30. Juni 1939 bot er im Grand Hotel National 125 der 20.000 konfiszierten Werke zum Verkauf an. Darunter war das Porträt „Mascha“ von Otto Mueller. Ein Aufkleber hinten auf dem Rahmen zeigt: Es gehörte einst dem Wallraf-Richartz-Museum. Es wurde nicht verkauft, und Gurlitt erwarb es anschließend privat von Fischer. Jetzt liegt es in Bern auf dem Ateliertisch, wo Fachleute versuchen, eine wohl in den 60er-Jahren aufgetragene Wachsschicht zu entfernen.

Ob die Schweiz zu Recht in die „anrüchige Nähe eines profitierenden Schiebers von Raubgütern“ gerückt wurde, untersuchte eine Schweizer „Experten-Kommission 2. Weltkrieg“. 2002 hielt sie fest: „Bezüglich des Handels mit ‚entarteter Kunst‘ zeigt die Studie deutlich, dass die viel beachtete Auktion der Galerie Fischer 1939 in Luzern zu einer engeren Verflechtung des schweizerischen Kunstmarktes mit NS-Deutschland beitrug.“ Die Auktion habe dem „Dritten Reich“ eine halbe Million Schweizer Franken an Devisen zugeführt. Und: „Die Schweiz war Umschlagplatz für Raubgut und Fluchtgut aus NS-Deutschland und den besetzten Gebieten.“

„Oft wird die Geschichte der ‚entarteten Kunst‘ rein aus deutscher Perspektive erzählt, deshalb ist der Blick aus der Schweiz auf das Thema sehr wichtig“, sagte Zimmer. Das Kunstmuseum forscht mit diesem Erbe nun besonders intensiv dazu. „Ob und wie fundamental man diese Geschichte umschreiben muss, weiß ich nicht, aber es gibt immer noch mal wieder Akzentverschiebungen.“

(S E R V I C E - www.kunstmuseumbern.ch)


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