Erste Notenbanken tüfteln an Bargeld-Abschaffung

Notenbanken prüfen, wie sich die Blockchain-Technologie nutzen lässt. Der Ersatz von Bargeld gehört dabei zu den konservativen Szenarien.

Mit Bitcoin entstand 2008 erstmals eine elektronische Form von Bargeld.
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Zürich –Bitcoin war nur der Anfang. Während die Cyberwährung bisher vor allem mit Betrugsvorwürfen und heftigen Kursausschlägen Schlagzeilen machte, trauen Experten der zugrunde liegenden Technologie Blockchain zu, das Finanzsystem umzukrempeln. Mindestens ein Dutzend Notenbanken spielen derzeit durch, ob sich die Technologie für ihre Zwecke nutzen lässt. Am Ende könnten ganz neue geldpolitische Maßnahmen zum Einsatz kommen. „Das hat ein enormes disruptives Potenzial für die Art und Weise, wie Zentralbanken arbeiten“, erklärt Hans Kuhn von der Universität Luzern.

Mit Bitcoin entstand erstmals eine elektronische Form von Bargeld, mit der sich zentrale Eigenschaften von Münzen und Banknoten ins digitale Zeitalter retten lassen: Eine direkte und sofortige Zahlung zwischen Nutzern, ohne dass sie ihre Identität offenlegen müssen. Die Blockchain-Technologie bietet aber ihrerseits enorme Möglichkeiten. Denn die Software sammelt Daten von Transaktionen, fasst sie zu Blöcken zusammen und hängt sie aneinander. Das spart Zeit und Geld, etwa bei Überweisungen, weil zentrale Schaltstellen wie Banken nicht mehr gebraucht werden. Solche automatisierten Prozesse in Verbindung mit digitalen Währungen könnten auch für Notenbanken interessant sein. Immerhin erreichen die Kosten für die Bereitstellung von Bargeld in entwickelten Ländern ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Würde das Bargeld ganz abgeschafft, eröffneten sich ganz neue Perspektiven: Um die Wirtschaft anzuschieben, könnten die Zinsen etwa unbegrenzt ins Minus gedrückt werden, weil das Geld von den Kunden ja nicht einfach abgezogen werden kann. Unter den ersten, die hier vorpreschen, ist Schweden. Dank Blockchain könnte die Riksbank als erste bedeutende Zentralbank eine eigene digitale Währung an den Start bringen. Die älteste Notenbank der Welt will nun verhindern, dass die Bevölkerung bei ihren Zahlungen Privatfirmen ausgeliefert ist, wenn Bargeld ganz verschwindet. Ende 2018 entscheidet die Riksbank, ob sie eine „E-Krone“ etwa in Form einer App oder einer Karte einführt.

Das wohl radikalste Modell könnte so aussehen: Jeder erhält ein Konto bei einer Notenbank, über das sämtliche Transaktionen laufen würden. Die Notenbanken würden so zu einer Art „Volksbank“.Technisch halten Experten so etwas bereits heute für machbar. Trotzdem bleiben solche Überlegungen erst Gedankenspiele – und dürften in den westlichen Demokratien wohl nur in abgeschwächter Form umgesetzt werden, prognostizieren Branchenkenner. In China und Russland ist die Ausgangslage anders. „Da geht es um Kontrolle“, erklärt Kuhn. Ein solches System ermögliche in Echtzeit einen vollständigen Überblick, was jeder Bürger mit seinem Geld mache. „Das ist zu verlockend.“

Strikt gegen die Abschaffung von Bargeld ist OeNB-General Ewald Novotny. „Eine Abschaffung von Bargeld wäre „absurd“, erklärte er vor Kurzem in Brüssel. Dies werde „sicher nicht“ kommen. Wesentlich ist es für den Gouverneur, dass die EU-Länder die Frage auf nationaler Ebene jeder für sich entscheiden können. „Es ist die Frage, ob es eine gesamteuropäische Regelung geben soll oder man das den Staaten überlässt. Unsere Meinung ist, dass man das den einzelnen Ländern überlassen soll.“ (APA, Reuters)


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