Kanada fragt nach Charlottesville: Haben wir ein Rassismus-Problem?

Winnipeg (APA/dpa) - Irgendwann bekam Thelma Favel einen Brief. Hunderte Zuschriften hatte die Großtante der ermordeten Tina Fontaine, deren...

Winnipeg (APA/dpa) - Irgendwann bekam Thelma Favel einen Brief. Hunderte Zuschriften hatte die Großtante der ermordeten Tina Fontaine, deren Leiche im August 2014 aus einem Fluss im kanadischen Winnipeg gezogen wurde, zuvor schon erhalten. Doch dieser Brief war anders. In der mit Blumen dekorierten Grußkarte stand: „Ihr Leute seid nichts weiter als ein Haufen betrunkener Indianer.“

Vor wenigen Tagen tauchten in Winnipeg nun Graffiti auf, die vor der „verlorenen weißen Zivilisation“ und dem „weißen Aussterben“ warnten. Als „rassistischste Stadt Kanadas“ betitelte das Magazin „MacLeans“ Anfang 2015 das 718.000 Einwohner zählende Winnipeg, das etwa zwei Autostunden nördlich der US-Grenze und Minnesota liegt. Der Mord an der 15-jährigen Fontaine, einer Ureinwohnerin der Sagkeeng First Nation, rüttelte Kanada auf - das Land, das sich den USA gern als Musterknabe präsentiert. Nach der tödlichen Rassistendemonstration in Charlottesville im US-Staat Virginia fragen sich auch Kanadier, wie gefährlich rechtsextreme Gruppierungen in ihrer Heimat heute sind.

Professorin Barbara Perry, die an der University of Ontario zu Hassverbrechen forscht, spricht von einem dramatischen Wandel: Rechtsextreme Gruppen würden in Kanada „mutiger“ und fühlten sich „in der öffentlichen Wahrnehmung ziemlich wohl“, sagt sie dem Sender CBC. „Vor einem Jahr oder eineinhalb Jahren waren sie weitgehend in Online-Foren und soziale Netzwerke verbannt.“

Beleg dafür waren Demonstrationen im März, bei denen in Montreal, Quebec und Chicoutimi Hunderte Anhänger der rechtsextremen Gruppe „La Meute“ (Wolfsrudel) zusammenkamen. Es waren ihre ersten öffentlichen Aufmärsche. Ihre geheime Facebook-Gruppe zählt nach Angaben von CBC rund 43.000 Mitglieder. Auch Anhänger der „Canadian Coalition of Concerned Citizens“ (Kanadische Koalition besorgter Bürger) sowie Ableger von Pegida und der „Soldiers of Odin“ nach deutschem beziehungsweise finnischem Vorbild gingen auf die Straße. Ziel der Proteste: Einen Parlamentsantrag verhindern, der Islamophobie und Diskriminierung gegen Muslime verurteilen und bekämpfen soll.

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Auch indigene Ureinwohner werden zur Zielscheibe, und verglichen mit der Ausgrenzung von Afroamerikanern in den USA steht Kanada oft ähnlich schlecht da: In Kanada waren 25 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten im Jahr 2015 indigene Ureinwohner, dabei machen sie nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung aus. Im Schnitt wurden sie Regierungsangaben zufolge siebenmal so häufig Opfer von Tötungsdelikten wie Menschen anderer Herkunft. Zum Vergleich: In den USA stellen Afroamerikaner etwa 13 Prozent der US-Bevölkerung und werden achtmal so häufig Opfer von Tötungsdelikten wie Amerikaner anderer Herkunft, schreibt Nate Silver im Blog „Five Thirty Eight“.

Dass Indigene oft mit schlechter Bildung, Arbeitslosigkeit, Armut, geistigen Erkrankungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch oder gar Suizidgedanken ringen, macht die Sache nicht besser. Vor allem Ureinwohner im Alter zwischen 15 und 29 Jahren würden in eine Opferrolle gebracht, schreibt Jillian Boyce in einem Aufsatz des kanadischen Statistikamts zum Thema. Man kann sich vorstellen, mit welch fadenscheinigen Begründungen solche Menschen von Rechtsaußen dann als Schmarotzer gebrandmarkt und ausgegrenzt werden.

Auch die Gefängnisstatistik zeigt, dass die Urvölker Kanadas mit ähnlichen Problemen kämpfen wie Afroamerikaner in den USA: Jeder vierte Häftling ist im landesweiten Durchschnitt ein Indigener, bei den inhaftierten Frauen ist sogar jede Dritte indigener Herkunft. Experten schätzen, dass ihr Anteil in den kommenden Jahren sogar bei 40 oder 50 Prozent der Gefängnisinsassen liegen könnte. „Die Wahrheit ist: Wir haben ein viel schlimmeres Rassismus-Problem als die Vereinigten Staaten“, schrieb „MacLeans“ 2015.

Die Kolonialgeschichte des 150 Jahre alten Landes dürfte einen Teil dazu beigetragen haben: Keine zehn Jahre nach Gründung Kanadas im Jahr 1867 nahm sich die Regierung mit dem „Indian Act“ das Recht, das Leben der Ureinwohner in fast all seinen Facetten zu regeln. Land, Ressourcen, Bildung, die Ausübung indigener Riten wurden vom Staat kontrolliert. Zehntausende Kinder der First Nation mussten Internate mit dem Ziel besuchen, sie ihre Sprache und Kultur vergessen zu machen. Unzählige von ihnen wurden misshandelt.

Umgerechnet 1,1 Milliarden Euro Entschädigung zahlte die Regierung an rund 79.000 ehemalige Schüler. Damit wurden die meisten Betroffenen finanziell entschädigt. Vollständig aufgearbeitet sind die Taten aber noch immer nicht. Kanadas Premierminister Stephen Harper hatte sich erst 2008 bei den „aboriginals“ für eine Politik entschuldigt, die darauf angelegt gewesen sei, „den Indigenen im Kind zu töten“. Sein Nachfolger Justin Trudeau bat Papst Franziskus im Mai, sich für die Rolle der katholischen Kirche im einstigen Schulsystem zu entschuldigen (das letzte Internat schloss 1996). Der Papst ließ offen, ob er der Einladung nach Kanada und der Bitte nachkommen würde.

Hinzu kommen Kürzungen bei Sozialabgaben, Gesundheitsleistungen und schlechte Bildungsangebote, die Indigene in Abwärtsspiralen trudeln lassen. Längere Wartezeiten beim Arzt, häufigere Kontrollen durch die Polizei - Rassismus habe im Alltag viele Gesichter, schrieb das National Collaborating Centre for Aboriginal Health (NCCAH) 2014 in einem Aufsatz. Der „Indian Act“ sei durch Zusätze zwar verbessert worden und schütze die First Nations, doch bis heute sei es ein Gesetz, das als „struktureller Rassismus“ bezeichnet werden müsse. Die First Nations machen etwa 60 Prozent der Ureinwohner aus.

Wer heute liberale Städte wie Toronto, Vancouver und Montreal besucht, spürt davon wenig. Der Rassismus spielt sich meist im Hinterland ab - bei rechten Kundgebungen aber auch schon mal in der Innenstadt Montreals. In einer Umfrage im Auftrag der Zeitung „Globe and Mail“ sagten im vergangenen Jahr 69 Prozent der Befragten, dass es in Kanada nach wie vor viel Rassismus gebe.

Wie eine Ur-Sünde hängt das finstere Zeitalter der Sklaverei über der Geschichte der USA. „Doch Kanada bewahrt sein eigenes schändliches Erbe“, schrieb ein Kolumnist des „Ottawa Citizen“ Ende 2014. Mit Blick auf das Internats-Zeitalter, dessen Aufarbeitung noch Jahre dauern dürfte, fasst das NCCAH zusammen: „Der den Überlebenden, ihren Kindern, Familien, Gemeinden und zukünftigen Generationen zugefügte Schaden ist unermesslich.“


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