Dieselgipfel - Umwelthygieniker: Nachteile seit langem bewiesen

Wien (APA) - Wie immer die europäischen Behörden auf den aktuellen Diesel-Skandal gesundheits-, umwelt- oder wirtschaftspolitisch reagieren,...

Wien (APA) - Wie immer die europäischen Behörden auf den aktuellen Diesel-Skandal gesundheits-, umwelt- oder wirtschaftspolitisch reagieren, für Umweltmedizin-Experten ist es seit vielen Jahren „ausgemachte Sache“: Dieselmotoren sind mit ihrem Stickoxid- und Feinstaubausstoß gesundheitsschädigend. Dies betonte der Wiener Umweltmediziner Manfred Neuberger gegenüber der APA.

„Die Diskussion rund um die Dieselfahrzeuge währt schon ‚ewig‘ - zumindest seit den 1970er-Jahren in den USA. In den 1980er-Jahren hat man in Kalifornien rußende Dieselfahrzeuge auf Sichtkontrolle aus dem Verkehr gezogen“, sagte Neuberger, ehemals Chef des Instituts für Umwelthygiene der MedUni Wien und - auch durch seine Aktivitäten gegen das Rauchen - renommierter Luftschadstoffforscher.

Was den Dieselmotor hier problematisch macht, führte der Experte so aus: „Da ist das Stockoxid. Es ist ein Reizgas, das tief in die Lunge gelangt, auch zum Beispiel ‚rote Augen‘ macht etc. Doch speziell problematisch sind Feinststaub und Feinstaubpartikel.“ Das gehe bis auf Partikelgrößen von 0,1 Mikrometer (ein Mikrometer: 0,001 Millimeter; Anm.). „An die Partikel lagern sich polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe an. Die Partikel haben eine riesige Oberfläche“, sagte Neuberger. Die Stäube - wobei sich Ultrafeinstäube auch zu größeren Partikeln zusammenballen - werden mit der Atmung und den angelagerten Substanzen auch in die tiefen Atemwege transportiert und können Krebs bedingen. Darüber hinaus fördern sie auch andere Lungenerkrankungen und vor allem Herz-Kreislauf-Leiden. In einer Übersichtsarbeit für die World Medical Association (Welt-Ärzteverband) listete Neuberger mit Co-Autoren die Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (2014) auf: Pro Jahr verursachen Luftschadstoffe in den Städten (inklusive der Innenluft in Autos) rund 3,7 Millionen Todesfälle oder 6,7 Prozent der weltweiten Mortalität. „Speziell Dieselruß ist nachgewiesen ein Karzinogen“, hieß es in dem Report.

„Beim Schwefeldioxid hat der Diesel einen kleinen Vorteil (gegenüber dem Otto-Motor; Anm.). Das wird aber durch größere Autos wie SUVs und mehr Autos gleich wieder ausgeglichen“, sagte Neuberger. Die „Betrugssoftware“ der Diesel-Pkw hätte dann in den vergangenen Jahren im Alltag im Vergleich zu den Emissionen bei den Tests anhaltend stark erhöhten Belastungen geführt. „Wir haben uns immer gewundert, warum die Stickoxidbelastung trotz der angeblichen Abgasreinigung bei den Dieselfahrzeugen nicht heruntergeht“, betonte der Experte.

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Epidemiologisch sind die Auswirkungen der Diesel-Autoabgase eindeutig belegt. Neuberger sagte: „Wir haben in Städten wie Wien, Linz und Graz eindeutig belegen können, dass die Sterblichkeit durch höhere Konzentrationen steigt. Es steigt die Zahl der Rettungsausfahrten wegen Herz- und Lungenerkrankungen. Es steigt die Zahl der Spitalsaufnahmen.“ Das alles ließe sich mit der jeweils aktuellen Feinstaub- bzw. Stickoxidbelastung korrelieren - auch zum Beispiel mit dem Abstand des Wohnortes von Menschen zu Hauptverkehrsrouten. „Was wir nicht wirklich unterscheiden konnten, sind die Auswirkungen von Feinstaub und Stickoxiden getrennt. Aber die kommen ja immer zusammen vor.“

In Sachen Dieselfahrzeuge sollte die Politik dringend handeln, betonte Neuberger: „Man sollte - ähnlich wie in der Schweiz - den Diesel höher besteuern. Das erfolgt dort schon immer. Und aus der Mineralölsteuer sollte auch in Österreich - wie in der Schweiz - der Nahverkehr mit Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln querfinanziert werden.“ Beim privaten Pkw-Gebrauch ist Neuberger mit einem Hybrid-Ottomotor-Auto unterwegs. „Dieselfahrzeug habe ich mir nie eines gekauft.“


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