Bundestagswahl - Die wichtigsten Köpfe im deutschen Wahlkampf

Berlin (APA/dpa) - Die Deutschen wählen am 24. September ein neues Parlament und entscheiden damit über die Zusammensetzung der nächsten Reg...

Berlin (APA/dpa) - Die Deutschen wählen am 24. September ein neues Parlament und entscheiden damit über die Zusammensetzung der nächsten Regierung. Einige Politiker gehören dem Bundestag schon seit Jahrzehnten an. Die wichtigsten Protagonisten der Parteien:

ANGELA MERKEL (CDU, 63): Die deutsche Bundeskanzlerin ist die am längsten amtierende Regierungschefin des Westens und will es jetzt noch einmal wissen. Seit mehr als einem Jahrzehnt hat Angela Merkel dem Land ihren Stempel aufgedrückt. Sie ist in Deutschland die erste Frau an der Regierungsspitze und auch die erste Ostdeutsche in diesem Amt. In der DDR arbeitete Merkel als Physikerin an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften. Politisch aktiv wurde sie erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Nach der deutschen Wiedervereinigung hatte sie mehrere Ministerämter inne. Zwei Jahre nach der Abwahl von Bundeskanzler Helmut Kohl (1982-1998) wurde sie CDU-Vorsitzende. Im November 2005 führte sie die Christdemokraten nach sieben Jahren Opposition an die Macht zurück. Den Popularitätseinbruch in der Flüchtlingskrise 2015/16 hat sie laut Umfragen überwunden.

MARTIN SCHULZ (SPD, 61): In der deutschen Bundespolitik ist Martin Schulz noch ein Neuling. Bekannt geworden ist er vor allem als Europapolitiker. 22 Jahre lang saß er im Europäischen Parlament, von 2012 bis Anfang 2017 als Präsident. Zuvor hatte er schon in seinem Heimatort Würselen nahe dem deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländereck als Bürgermeister politische Erfahrung gesammelt. Als Jugendlicher hatte Schulz einen anderen Traumberuf: Profifußballer. Zwei Meniskusrisse zerstörten den Traum, machten ihn zum Sportinvaliden. Mit 24 war er Alkoholiker, schaffte es aber, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Er wurde Buchhändler, bevor er in die Politik ging. Studiert hat Schulz nie, die Schule brach er vorzeitig ab. Er wirbt damit, dass ihm trotz aller Handicaps der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen gelungen ist.

WOLFGANG SCHÄUBLE (CDU, 74): Graue Eminenz der deutschen Politik. Er sitzt schon seit 1972 im Deutschen Bundestag. Als Innenminister handelte er 1990 mit der DDR den Einigungsvertrag aus. Innenminister wurde er auch wieder in der ersten Regierung Merkel ab 2005. Da hatte er schon einen Karriereknick hinter sich, weil er wegen der CDU-Spendenaffäre den Partei- und Fraktionsvorsitz 2000 niederlegen musste. Seit 2009 ist Schäuble als Finanzminister oberster deutscher Kassenwart. In der Eurokrise machte er sich bei den Schuldnerländern mit seinem Drängen auf Austerität nicht gerade beliebt. Ans Aufhören denkt der seit einem Attentat 1990 an den Rollstuhl gefesselte Polit-Senior noch lange nicht. Der aus Baden-Württemberg stammende Jurist kandidiert erneut für den Deutschen Bundestag und gilt auch weiterhin als ministrabel.

SIGMAR GABRIEL (SPD, 58): Als deutscher Chefdiplomat gibt sich der Außenminister nicht unbedingt diplomatisch. In seiner erst kurzen Amtszeit schaffte er es, sich mit den Präsidenten der Türkei sowie der USA und dem Ministerpräsidenten Israels anzulegen. In der Großen Koalition war er 2013 als Wirtschaftsminister gestartet. Seit 2009 SPD-Vorsitzender, entschied er sich wegen schlechter Umfragewerte Anfang des Jahres, auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten. Der zum Herausforderer Merkels gekürte Schulz übernahm von Gabriel auch den Parteivorsitz. Nach der Wahl Frank-Walter Steinmeiers zum Bundespräsidenten wechselte Gabriel ins Außenministerium. Seine Beliebtheitswerte sind seitdem stark gestiegen. Außenminister würde Gabriel gerne bleiben, seine Chancen sind aber gering.

URSULA VON DER LEYEN (CDU, 58): Deutsche Medien handelten die ehrgeizige Christdemokratin immer wieder als potenzielle Nachfolgerin Angela Merkels. Die Ärztin ist schon so lange Ministerin wie Merkel Kanzlerin. Sie diente ihr je vier Jahre als Familien- und Arbeitsministerin, bevor sie 2013 das Verteidigungsressort übernahm. Wegen ihres Umgangs mit echten oder vermeintlichen Bundeswehrskandalen wirkt die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (1930-2014) angeschlagen. Ihre Aussage, die Truppe habe ein „Haltungs- und Führungsproblem“ fiel auf sie selbst zurück. Ihr wird Profilierung auf Kosten anderer vorgeworfen und dass sie sich nicht vor ihre Untergebenen stelle. Leyen möchte gern im Amt bleiben, doch hat sie in ihrer Partei einen schweren Stand.

THOMAS DE MAIZIERE (CDU, 63): Der Nachfahre hugenottischer Einwanderer gehört - wie Schäuble und von der Leyen - der deutschen Bundesregierung in unterschiedlichen Funktionen schon seit dem Amtsantritt Merkels im November 2005 an. Innenminister ist er schon zum zweiten Mal. Bei ihm bündelten sich einige Mammutthemen der Wahlperiode. Das Chaos der Flüchtlingskrise brachte de Maiziere in Bedrängnis. Hinzu kamen Terroranschläge und Anschlagsversuche. Hier geriet de Maiziere das eine ums andere Mal in Erklärungsnot. Der Minister brachte aber eine ganze Batterie von Verschärfungen im Asylrecht und bei den Sicherheitsgesetzen auf den Weg. De Maiziere hat viel Erfahrung in Regierungsämtern und könnte sich nach der Wahl vielleicht in einem anderen Ressort wiederfinden.

PETER ALAIER (CDU, 59): Der Fädenzieher im Hintergrund. Als Kanzleramtsminister ist er der oberste Manager der Regierungsarbeit. Im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 wurde er Flüchtlingskoordinator und zog damit auch Kompetenzen des Innenministers an sich. Die sinkenden Flüchtlingszahlen spielten ihm in die Hände. Als Wahlkampfmanager entmachtete er CDU-Generalsekretär Peter Tauber und verfasste das Wahlprogramm der Christdemokraten im Wesentlichen selbst. Der lebenslustige Hobbykoch aus dem Saarland kokettiert gerne mit seiner Leibesfülle („Ich bin nicht der wichtigste, aber der gewichtigste Minister im Kabinett“). Er dürfte bei einem CDU/CSU-Wahlsieg auch künftig eine führende Rolle in der deutschen Politik spielen.

CHRISTIAN LINDNER (FDP, 38): Er ist der neue Superstar der deutschen Liberalen. Fast im Alleingang gelang es dem Unternehmensberater, eine nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag am Boden liegende Partei wieder aufzurichten. Bei der Landtagswahl in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen holte er als Spitzenkandidat im Mai mit 12,6 Prozent für die FDP ein glänzendes Ergebnis und führte sie an der Seite der Christdemokraten zurück an die Macht. Sollte die FDP am 24. September in den Bundestag zurückkehren, will Lindner der Landespolitik Lebewohl sagen und nach Berlin ziehen. Im Wahlkampf, der ganz auf seine Person zugeschnitten ist, gibt sich der Porsche-Fan betont lässig. Auf manchen Fotos wirkt er wie ein Dressman. Gerade bei jungen Wählern scheint das anzukommen.

CEM ÖZDEMIR (Grüne, 51): Die Eltern des Schwaben kamen in den 60er Jahren als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Gern erzählt er von seinem Aufwachsen zwischen zwei Kulturen in Bad Urach (Baden-Württemberg) und von seiner Ausbildung als Erzieher. Integration ist eines der wichtigsten Themen des Realpolitikers. Bei den Grünen ist der 51-Jährige seit 1981. Er wurde 1994 erster Abgeordneter türkischer Herkunft im Bundestag. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Abgeordneter des EU-Parlaments, 2008 wurde er Parteichef. Der studierte Sozialpädagoge hat zwei Kinder.

KATRIN GÖRING-ECKARDT (Grüne, 51): Die Thüringerin war 1989 in der DDR an der Gründung der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt beteiligt, die im Bündnis 90/Die Grünen aufging. Ihr Theologiestudium schloss sie nicht ab, sie ist aber in der evangelischen Kirche aktiv. Die zweifache Mutter gehört wie Özdemir zum Realo-Flügel der Öko-Partei. Dieser steht einer „schwarz-grünen“ Koalition mit Merkels Christdemokraten aufgeschlossener gegenüber als die Parteilinke.

SAHRA WAGENKNECHT (Die Linke, 48): Mit ihren streng nach hinten frisierten Haaren wirkt die Ost-Berlinerin manchmal wie eine Wiedergängerin der Revolutionärin Rosa Luxemburg (1870-1919). Die Tochter einer Deutschen und eines Iraners ist die vielleicht telegenste Figur der Linkspartei - in Talkshows ist sie gefragt, auf Facebook hat sie hunderttausende Likes. Wagenknecht nimmt Stimmungen auf und benützt umstrittene Formulierungen, etwa auch mit kritischen Tönen zur Einwanderung. Als Rednerin kann die Ehefrau des früheren SPD- und heutigen Linke-Politikers Oskar Lafontaine Hallen für sich einnehmen. Lange war die 1989 in die SED eingetretene Volkswirtin Wortführerin der Parteigruppierung „Kommunistische Plattform“. Sie ließ ihre Mitgliedschaft dort aber nach dem Aufstieg in die Parteispitze ruhen.

ALEXANDER GAULAND (AfD, 76): Seine politische Karriere begann der in Sachsen geborene Jurist bei den Christdemokraten und brachte es bis zum Chef der hessischen Staatskanzlei. Als AfD-Spitzenkandidat könnte er nun eine Partei rechts der CDU/CSU ins nationale Parlament führen. Gauland gilt als wichtigster Unterstützer der Rechtsnationalen in der AfD und scheut keine provokanten Äußerungen. So warnte er vor einer „schleichenden Landnahme“ durch Flüchtlinge in Deutschland und sagte, man werde die türkischstämmige Integrationsbeauftragte der Regierung, Aydan Özoguz (SPD), „in Anatolien entsorgen können.“

ALICE WEIDEL (AfD, 38): Bis zu ihrer Wahl zur AfD-Spitzenkandidatin war die promovierte Volkswirtin aus Baden-Württemberg in Deutschland weitgehend unbekannt. Sie repräsentiert den wirtschaftsliberalen Flügel der Partei. Anders als die Rechtsnationalen ist Weidel für eine „gesteuerte qualifizierte Zuwanderung“, aber auch gegen eine „Politik der offenen Grenzen“, die muslimische Armutsmigranten ohne Qualifikation nach Deutschland locke. Die Unternehmensberaterin lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mit ihrer Lebensgefährtin und zwei Kindern am Bodensee.


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