Glyphosat: Wie ein Gift salonfähig wurde

Der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden deckt in seinem Buch auf, wie sich Konzerne ihre Glyphosat-Zulassung erschlichen haben. Er sagt: Das Pestizid muss verboten werden.

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Innsbruck — Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist mittlerweile zum populären Wahlkampfthema geworden. Die meisten Menschen sprechen sich für ein Verbot aus. Die europäische Bürgerinitiative „Stop Glyphosat" etwa hat innerhalb von vier Monaten eine Million Unterschriften gesammelt. Der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden blickt in seinem Buch „Die Akte Glyphosat" zurück bis in die Anfangsjahre des ursprünglichen Rohrreinigers und hat sich dafür durch einen Dschungel an geheimen Studien, Skandalen und Zulassungsprozessen gearbeitet.

Welche Dimensionen erreicht der Einsatz von Glyphosat in Österreich?

Helmut Burtscher-Schaden: Im Frühjahr werden die Pestizide auf riesengroßen Flächen verteilt, 300 Tonnen sind es hierzulande. Dabei bleibt es lange in der Atemluft. Untersuchungen nach starken Regenfällen haben Glyphosat in Pfützen und Fließgewässern nachgewiesen.

Richtet Glyphosat auch im Boden Schaden an?

Burtscher-Schaden: Es verschiebt sein Gleichgewicht, indem es die Mikroorganismen, die Glyphosat abbauen würden, tötet. Es reichert sich im Boden an. Es gibt Vergleichsstudien, die zeigen, dass nach etwa zehn Jahren auf glyphosatbelasteten Böden nichts mehr richtig wächst. Das Pestizid bleibt in den Wurzelkanälen und wird in die Wurzeln der neuen Pflanzen eingeschleust. So werden die Bauern in doppelter Hinsicht Opfer: Einerseits schädigen sie ihre eigene Gesundheit, andererseits den Boden, der ihr Kapital ist.

Helmut Burtscher-Schaden (Biochemiker): "Durch den Einsatz von Glyphosat schädigen die Bauern ihre eigene Gesundheit und ihren Boden."
© Manfred Weis

In Genmais und -soja, der in Teilen Südamerikas im großen Stil angebaut wird, wurden gezielt Glyphosat-Resistenzen eingebaut. Glyphosat wird dort dann in Massen verspritzt. Was hat das für Konsequenzen?

Burtscher-Schaden: In Südamerika wird zehnmal so viel Glyphosat verwendet wie bei uns und teils aus Flugzeugen verspritzt. Nicht selten geraten Kinder in einen Pestizid-Sprühnebel. Bestimmte Krebsfälle häufen sich, Babys kommen mit Missbildungen auf die Welt. Das alles steht allerdings in keinem WHO-Bericht. Denn dort, wo die meisten Fälle auftreten, gibt es kein gutes Monitoring. Und die Industrie hat Interesse daran, dass bestimmte Untersuchungen nicht stattfinden.

In Ihrem Buch entlarven Sie haarsträubende Verflechtungen von Wissenschaft, Politik und Industrie, allen voran Monsanto. Geheime Studien, Wissenschaftsbetrug, Einflussname, Interessenkonflikte. Wie soll man da noch durchblicken?

Burtscher-Schaden: Eine schwierige Situation. So sehr mir das alles klar erscheint, ist es doch schwierig, die Komplexität dieses Themas in einem kurzen Statement rüberzubringen. Deswegen musste ich dieses Buch schreiben. Es zeigt am Beispiel Glyphosat, wie Zulassungssysteme funktionieren. Oder eben nicht.

Was stößt Ihnen besonders sauer auf?

Burtscher-Schaden: Laut europäischem Pestizidgesetz müssten eigentlich alle Studien, die es zu Glyphosat gibt, von unabhängigen Institutionen geprüft werden. Tatsache ist, dass einerseits Studien von den Konzernen selbst in Auftrag gegeben wurden und daher zu ihren Gunsten ausfallen und andererseits die Behörden selbst, die unabhängig prüfen sollten, unter massivem Druck der Industrie stehen. Beispiel: In dem Bewertungsbericht des BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland, Anm.) wurden ganze Passagen aus einer von Monsanto beauftragten Publikation nach dem Copy-und-Paste-Verfahren übernommen. Dort wurde festgehalten, dass Glyphosat weder krebserregend noch DNA-schädigend ist.

Sie schreiben, dass Glyphosat im Harn fast aller Deutschen nachweisbar ist. Müssen wir uns auch in Österreich Sorgen machen?

Burtscher-Schaden: Es gibt eine neue österreichische Studie, bei der 80 Prozent der untersuchten Urinproben positiv sind. Die Behörden hingegen suchen an der falschen Stelle: Die AGES (Agentur für Ernährungssicherheit, Anm.) hat 2015 im gesetzlichen Auftrag eine Studie gemacht und in 105 Proben keine Glyphosatrückstände gefunden. Sie testeten vor allem Tomaten und Paprika aus dem Glashaus, die im Substrat wachsen und daher sowieso nicht glyphosatbehandelt sind.

Laut einem Ihrer Kollegen hat sich der Stellenwert von Gesundheit und Umwelt in der EU-Politik seit der Finanzkrise 2008 stetig verringert. Liegt uns denn nichts mehr daran?

Burtscher-Schaden: Das Bewusstsein sinkt leider. Heute bewegen Themen wie Sicherheit, Wachstum, Flüchtlinge, Arbeitsplätze. Für die Interessen von Konzernen ist das ein fruchtbares Terrain, mit „Wachstum" lässt sich gut argumentieren. Dabei geht es um Entscheidungen, die für die zukünftigen Generationen enorme Bedeutung haben werden.

In der EU wird derzeit um eine erneute Zulassung von Glyphosat gerungen. Österreichs Umweltminister Rupprechter hätte zwar kein Problem mit einer allfälligen Bindung an ein EU-Nein zur Wiederzulassung, einem Verbot weicht er aus.

Burtscher-Schaden: Der Minister müsste sagen: „Wir sind gegen die Zulassung, weil wir nicht wissen, ob es krebserregend ist." Ich wünsche mir einen runden Tisch mit dem Landwirtschaftsministerium für einen fairen Austausch der Argumente, aber man weicht dieser Diskussion aus. Die AGES macht runde Tische nur zu ihren Bedingungen und das BfR verweigert den Dialog.

Sie fordern von der Industrie, sichere Alternativen zu entwickeln. Warum geht da so wenig weiter?

Burtscher-Schaden: Die Industrie geht den Weg des geringsten Widerstandes. Entscheidungen trifft sie nach kurzsichtigen Prinzipien. Ohne Druck von außen, also Gesetzen, wird sich wenig zum Positiven entwickeln.

Das Interview führte Kathrin Siller


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