Symphonie einer sterbenden Welt

Der beeindruckende und erschütternde Dokumentarfilm „Dusk Chorus“ eröffnete gestern Abend das Innsbruck Nature Film Festival.

Der italienische Sound-Forscher David Monacchi konserviert seit mehr als 15 Jahren den Klang des Regenwaldes für kommende Generationen.
© INFF

Von Joachim Leitner

Innsbruck –David Monacchi dokumentiert. Akribisch und mit modernstem Equipment zeichnet er seit mehr als 15 Jahren den Klang des Regenwaldes auf. Das artenreichste Biosystem der Erde: Es gurrt, piepst, rauscht, raschelt, knarzt und knackt. Doch es verändert sich, die Töne werden weniger.

Laut jüngsten Erhebungen stirbt alle 20 Minuten irgendwo auf der Welt eine Tier- oder Pflanzenart aus. Ein Umstand, der es kaum bis gar nicht in die Schlagzeilen schafft. „Es ist die stillste Katastrophe unserer Zeit“, sagt Tonsammler Monacchi. Und sie ist größtenteils menschengemacht. Auch jene beinahe unzugänglichen Urwälder in Ecuador, wo Monacchi die Klänge vergangener Jahrtausende konserviert, sollen einer Pipeline weichen. Der Faktor Mensch habe das Bedrohungsszenario ins Unfassbare potenziert, erfährt man. Und der ebenfalls menschengemachte Klimawandel spitzt die Lage zusätzlich zu. „Wir stehen am Rand des Regenwaldes, aber es hat seit Wochen nicht geregnet“, konstatiert Monacchi ganz zu Beginn von Nika Saravanjas und Alessandro D’Emilias Film „Dusk Chorus“, mit dem gestern Abend das Innsbruck Nature Film Festival im Leokino eröffnet wurde.

Wenig später sieht man Monacchis Hochfrequenz-Mikro einen mächtigen Baum entlangtasten. Ein entnervendes Dröhnen erklingt. „Ungewöhnlich hohe Spannung“, sagt Monacchi. Man hört den Todeskampf eines stummen Riesen.

„Dusk Chorus“ ist ein beeindruckender und ein erschütternder Film. Er dokumentiert einen Dokumentaristen. Monacchi spricht kaum. Doch schon die Sorgfalt und Präzision, mit denen der Professor für Elektro-Akustik am renommierten Rossini-Konservatorium von Pesaro arbeitet, sind faszinierend. Und doch nichts im Vergleich zum gewaltigen Ton-Gemälde, das er mit seinem Projekt „Fragments of Extinctions“ („Fragmente des Aussterbens“) vorlegt. Mit zunehmender Laufzeit breitet sich „Dusk Chorus“ zur Symphonie einer sterbenden Welt aus. Der Film raubt den Atem, macht – obwohl der Protagonist weder belehrt noch aufwiegelt – zornig und unendlich traurig. David Monacchi zeichnet auf, was es so schon heute nicht mehr gibt. Nach „Dusk Chorus“, an der Bozner Dokumentarfilmschule Zelig produziert, sieht man die Welt mit anderen Augen. Man lernt, genauer hinzuhören – und im leisesten Zirpen etwas in seiner Einmaligkeit ungemein Bedrohtes zu erkennen.


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