“Berlin Babylon“: Morphium ?zum Morgenbrot

Serie der Superlative: Ab Freitag entführt „Berlin Babylon“ auf Sky ins verruchte Berlin der 1920er-Jahre. Die Zeitreise kostet 40 Millionen Euro.

© Sky

Von Christiane Fasching

Innsbruck –„Du bist dem Tod so nah“, schmettert Swetlana Sorokina, die schnurrbärtige Königin der Nacht, in die Untiefen des gleich verrauchten wie verruchten Tanzsalons Moka Efti, wo sich die Berliner Hipster-Gesellschaft ekstatisch in eine Parallelwelt groovt. Was eine überinszenierte Motto-Party im Berliner Club „Berghain“ sein könnte, ist das Schlussbild der ersten Doppelfolge von „Berlin Babylon“ – jener Serie der Superlative, die ab Freitag ins Berlin der 1920er-Jahre entführt und damit mitten hinein in die Weimarer Republik, in der die Spuren des Ersten auf die Vorboten des Zweiten Weltkriegs prallen. An diesen Sumpf aus Traumatisierung und Angst schmiegen sich Korruption und Sünde – und trifft Sittenkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) auf Lotte Ritter (Liv Lisa Fries), eine Gelegenheitsschreibkraft aus der Mordkommission, die ihre keuchhustende Familie auch mit Mini-Prostitutionsjobs über Wasser hält. Er pfeift sich Morphium zum Morgenbrot rein, sie überschminkt sich verstohlen die Knutschflecken ihrer fetten Freier.

Willkommen im Gestern, das sich die Macher von „Babylon Berlin“ satte 40 Millionen Euro kosten ließen: Mit solchen Summen wird normalerweise Kino gemacht, und großes Kino will auch das 16-teilige historische Krimidrama sein, für das sich der Bezahlsender Sky mit der öffentlich-rechtlichen ARD auf ein Packerl haute, um klotzen zu können und nicht kleckern zu müssen. Mit Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries wurden gleich drei Regisseure engagiert, die an 180 Drehtagen eine vertrackte Geschichte inszenierten, deren Fortsetzung schon vor der Ausstrahlung der ersten Folge angekündigt wurde. Das deutsche Feuilleton hüpft vor Freude im Quadrat und prophezeit freudig die Anknüpfung an den Erfolg von „Das Boot“, während der Boulevard am ungewöhnlichen Finanzierungs- und Ausstrahlungsmodell herumnörgelt. Die Gebührenzahler der ARD müssen nämlich noch ein Jahr warten, bis sie in den Genuss von „Berlin Babylon“ kommen: Die heutige TV-Premiere ist für das zahlende Sky-Publikum reserviert.

Der Auftakt ist gleich vielversprechend wie düster: Protagonist Gereon Rath wird von einem dubiosen Arzt zurück zur „Quelle seiner Angst“ hypnotisiert: Kriegsbilder flackern auf, Liebeswirren werden angedeutet, die Morphiumsucht kommt nicht von ungefähr. Im Berlin von 1929 ermittelt Kommissar Rath dann im Porno-Milieu und sprengt den Dreh eines biblischen Hardcore-Streifens, weil er dort die Hintermänner eines pikanten Erpressungsversuchs vermutet. In Nebenhandlungen entführen Trotzkisten einen mit Gold beladenen Zug, um die Konterrevolution zu finanzieren und serviert der als „Armenier“ bekannte Unterweltskönig (Misel Matisevic) einem unbequemen Widersacher ungeniert eine menschliche Zunge – zumindest behauptet er das grinsend.

Der verwinkelte Plot, der auf Volker Kutschers 2007 erschienenem Roman „Der nasse Fisch“ basiert, besticht mit drastisch-cineastischen Bildern, die einen mit voller Wucht in Elend und Ekstase schleudern. Zum Cast zählt auch Karl Markovics, der einen „österreichischen Schnösel“ spielt. In diesem Fall ist man gerne der Quoten-Ösi.

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