Kritischer Blick auf die Alpen

Matthias Schickhofer hat den Alpen ein „Schwarzbuch“ gewidmet. Er legt den Finger auf Wunden in der Entwicklung dieses Lebenraumes und macht Vorschläge für die Zukunft.

Wann wird’s mal wieder richtig Winter? Die Realität im Skigebiet Wilder Kaiser am 27. Dezember.
© www.muehlanger.at

Von Markus Schramek

Innsbruck –Die Alpen – was sollen sie sein? Ein hoch erschlossener Freiluftzirkus, mit Bespaßung rund um die Uhr, ein unerschöpflicher Quell für Adrenalin-Kicks? Oder ein naturbelassenes Idyll, ein Sehnsuchts- und Zufluchtsort? Nachdenkstoff dazu hat Umweltaktivist Matthias Schickhofer vorgelegt. „Schwarzbuch Alpen“ (Brandstätter Verlag) heißt sein eben erschienenes Buch.

Es ist zur Mode geworden, kritische Bestandsaufnahmen verkaufsträchtig als „Schwarzbuch“ zu betiteln. Der Autor selbst, aus Niederösterreich stammend und mit großer Leidenschaft für die Berge ausgestattet, spricht lieber von einer „subjektiven Zusammenstellung von aktuellen Schlaglichtern“.

Wie auch immer. Für das Buch wurde umfassend recherchiert, Experten sind zu Rate gezogen worden. Und Schreiber Schickhofer hat sich selbst vor Ort ein Bild von verschiedenen Hotspots in den Alpen gemacht.

© Brandstätter Verlag

Mit seinem Befund wird er nicht überall die reinste Freude auslösen: „Die industrielle Ausbeutung der Alpen hat ihre Grenzen erreicht.“ Denkmuster wie „immer größer, immer teurer, um die touristische Konkurrenz auszustechen“, seien längst überholt.

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Schickhofer beschreibt die Alpen als Schauplatz von Interessenkonflikten: Seilbahnlobby versus Naturschützer, Kraftwerksbauer und -gegner, Jäger und Förster, Erschließer und Bewahrer.

Dennoch ist die Attraktivität ungebrochen. Das zeigen zumindest die Zahlen. 460 Millionen Nächtigungen verzeichnet der gesamte Alpenbogen zwischen Nizza und Wien pro Jahr. Tirol ist mittendrin in diesem Spannungsfeld. Zehn Prozent aller Nächtigungen werden in diesem einen, relativ kleinen Bundesland erwirtschaftet.

Wie aber soll die Entwicklung weitergehen, in Zeiten, da schneearme Winter keine Fiktion à la Piefke-Saga mehr sind? In denen sich die Klimaerwärmung angesichts schmelzender Gletscher nicht mehr leugnen lässt (den aktuellen US-Präsidenten einmal ausgenommen)? Und in denen das Land am Inn allwöchentlich vom Verkehr überrollt wird?

Alpenfreund Schickhofer (50) vermisst Antworten auf Fragen wie diese. So ist Schneesicherheit je nach Winter und Seehöhe nur mit hohem Einsatz an Ressourcen und Geld zu erzielen. Im Jahr werden alpenweit 280 Milliarden Liter Wasser zu Kunstschnee verarbeitet. Das ist der dreifache Jahresbedarf einer Großstadt wie München.

Und die Spirale dreht sich weiter. Anstatt zu überlegen, welche Alternativen es zum Skifahren geben kann, wird weiter auf Gigantomanie gesetzt. Skigebiete erstrecken sich inzwischen über Täler. In Frankreich haben sie die 600-Kilometer-Marke an Pisten schon überschritten.

„Für wen wird dieser ganze Aufwand betrieben?“, fragt Schickhofer in die Runde. Gut möglich, dass ihn niemand (er-)hört. Denn Hinweise wie der folgende werden gerne ausgeblendet: „Die Zahl der Skifahrer geht zurück. Zwei Drittel aller Österreicher fahren überhaupt nie Ski.“ Junge Menschen sind heute so mobil, dass sie auch im Winter in wärmere Gefilde entfliehen.

Als Spaßbremse der Freizeitindustrie will sich Schickhofer nicht (miss-)verstanden wissen. Massentourismus in Hochburgen wie Sölden und Ischgl sei eine Tatsache. „Niemand wird auf die Idee kommen, Skilifte abzureißen.“ Doch sei es hoch an der Zeit, die Natur vor weiterem Zugriff zu schützen. Regionen mit sanften Tourismus müssten Vorrang erhalten. Was an intakten Flüssen noch übrig sei (Lech und Isel, um beim Tiroler Beispiel zu bleiben), gehöre unter Schutz gestellt.

Große Chancen sieht der Autor im Sommertourismus, so die Natur nicht weiter zubetoniert wird. Sommerfrische in den Alpen könne sich zum Renner entwickeln, als Alternative zu den immer heißer werdenden Sommerdestinationen in Meeresnähe.

„Wegen der alpinen Landschaft und der wohltuenden Wirkung ihrer Schönheit kommen Menschen in großer Zahl schon seit 150 Jahre in die Berge“, lautet Schickhofers fast poetisches Fazit. Und hier wird ihm wohl niemand widersprechen.

Gelesen

„Schwarzbuch Alpen. Warum wir unsere Berge retten müssen." (Brandstätter Verlag 2017, 200 Seiten, 22,90 Euro).

Autor Matthias Schickhofer, Jahrgang 1967, sieht sein Buch als faktische Bestandsaufnahme des Natur-, Lebens- und Wirtschaftsraumes Alpen.

Der in Wien wohnhafte Umweltschützer arbeitete von 1991 bis 2007 für die NGO Greenpeace. Seither verfolgt er Buchprojekte und steht NGOs beratend zur Seite.


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