„Willkommen bei den Hartmanns“ - Wittenberg: „Was macht das mit uns?“

Wien (APA) - „Was macht das mit uns, wenn ein Fremder kommt?“ Das ist für den deutschen Regisseur Peter Wittenberg die zentrale Frage in Sim...

Wien (APA) - „Was macht das mit uns, wenn ein Fremder kommt?“ Das ist für den deutschen Regisseur Peter Wittenberg die zentrale Frage in Simon Verhoevens Erfolgsfilm „Willkommen bei den Hartmanns“. Am Sonntag feiert seine Theaterversion im Akademietheater ihre Uraufführung. Mit der APA sprach er über seine Herangehensweise, politische Herausforderungen der Flüchtlingsproblematik und persönliche Erfahrungen.

Im Film beschließt die pensionierte Lehrerin Angelika (Senta Berger), einen Flüchtling in der Villa ihrer Familie aufzunehmen. Ihr Mann Richard (Heiner Lauterbach) ist zunächst wenig begeistert. Das Zusammenleben mit dem Nigerianer Diallo stellt nicht nur die Ehe, sondern auch die Beziehung zu den erwachsenen Kindern auf die Probe.

APA: „Willkommen bei den Hartmanns“ war im vergangenen Jahr mit 2,1 Millionen Besuchern einer der erfolgreichsten Filme in Deutschland. Wann sind Sie mit dem Film in Berührung gekommen?

Peter Wittenberg: Ich habe ihn ganz zufällig gemeinsam mit meiner Familie in einer kleinen bayrischen Stadt gesehen, kurz nach Weihnachten 2016. Ich bin unvoreingenommen hineingegangen und habe mich gut unterhalten. Ich fand den spielerischen Umgang mit der Problematik gut.

APA: Und wie kam es dazu, dass Sie den Stoff für eine Theaterproduktion aufgegriffen haben?

Wittenberg: Karin Bergmann (Direktorin des Burgtheaters, Anm.) hatte den Wunsch, ein Familienstück zu machen, wo Enkel, Eltern und Großeltern gleichermaßen unterhalten werden. Da dachten wir, „Willkommen bei den Hartmanns“ ist ein guter Stoff, bei dem man nichts aus der Konserve nimmt, sondern eine aktuelle Problematik aufgreift.

APA: Wie erklären Sie sich diesen anhaltenden Trend, Filme für die Bühne zu adaptieren?

Wittenberg: Das Theater ist ja nicht nur dazu da, Klassiker zu spielen. Im Theater haben wir die Chance, aktuelle Themen der Filme aufzugreifen, uns vom Naturalismus zu lösen und sie zu verdichten. Wenn es uns denn gelingt.

APA: Leistet das nicht auch die zeitgenössische Dramatik?

Wittenberg: Ja, vor allem die. Aber das konkurriert nicht miteinander, sondern es ergänzt sich.

APA: „Willkommen bei den Hartmanns“ ist schlussendlich eine Gesellschaftskomödie...

Wittenberg: Stimmt. Der Film ist keine politisch relevante Analyse der Flüchtlingsproblematik. Der Flüchtling ist da eher ein Katalysator für die Spiegelung einer Gesellschaft. Was macht das mit uns, wenn ein Fremder kommt? Aber was der Film leistet ist, dass er einen Spirit schafft, mit dem man an große gesellschaftliche oder auch persönliche Herausforderungen herangehen sollte: mit Humor und Angstfreiheit.

APA: Wie haben Sie persönlich die vergangenen Jahre in Hinblick auf das Flüchtlingsthema erlebt?

Wittenberg: Die Politik war zwar nicht vorbereitet, sie hätte die Flüchtlingsproblematik kommen sehen, sie innerhalb Europas abstimmen müssen. Aber es ist von der Merkel zu allererst ein humaner Akt gewesen, zu dem sie leider inzwischen kaum noch steht. Ich bin ein Kind von Flüchtlingen, meine Eltern haben sich im Exil kennengelernt, nach dem sie vor den Nazis flüchten konnten. Ich kann jemanden, der existenziell bedrohten Menschen hilft, nicht verurteilen, auch wenn daraus elementare gesellschaftliche Probleme entstehen. Es müssen Lösungen gefunden werden, am besten direkt in den Herkunftsländern.

Ich mag nur den Geist nicht, der sich zuletzt im Wahlkampf breitgemacht hat. Die Angstmache. Den größten Gefahren sind doch diejenigen ausgesetzt, die 2015 und danach gekommen sind und vor allem diejenigen, die jetzt nicht mehr kommen können. Oder die Verdrehung von Werten. Fairness verdient jeder, die Globalisierungsopfer wie die Flüchtlinge. Es ist unethisch, das gegeneinander auszuspielen. Aber was soll man von Menschen erwarten, die beim Gedenken der Opfer der Reichspogromnacht demonstrativ sitzenbleiben. Besorgniserregend ist, dass genau die in Kürze wichtige Ministerien einnehmen werden.

APA: Wie ist Angelika Hager, die für die Adaptierung verantwortlich ist, vorgegangen?

Wittenberg: Es ging nicht darum, die Geschichte eins zu eins nachzuerzählen. Bei der Arbeit ist im Laufe der Zeit auch etwas völlig Neues entstanden. Die Grundhandlung haben wir belassen, das Geschehen allerdings nach Wien transferiert, das war im Original schon sehr deutsch. Auch habe ich mich entschieden, nicht fragmentarisch zu arbeiten, was ich vielleicht gemacht hätte, wenn wir nicht speziell die Jugendlichen hätte erreichen wollen.

APA: Wie gehen Sie mit der großen Zahl an handelnden Personen um?

Wittenberg: Wir arbeiten mit Doppelbesetzungen, vieles passiert auch simultan, es gibt schnelle Wechsel. Es gibt ja sehr klischeehafte Figuren, die verschiedene Einflugschneisen in das Stück bieten. Den Flüchtling selbst oder den Basti, den Enkel der Hartmanns, dessen Mutter abgehauen ist und dessen Vater ein Workaholic ist. Er ist das Bindeglied zwischen dem Zuschauer und dem, was auf der Bühne passiert. Dann gibt es die Rentnerin mit dem hohen moralischen Anspruch, ihren Mann, der sein Alter nicht akzeptiert, den Stalker von rechts außen, aber auch den Salafisten und die linke Esoterikern...

APA: Wie sind Sie damit umgegangen, dass bis auf David Wurawa nicht-migrantische Schauspieler in Rollen von Flüchtlingen schlüpfen?

Wittenberg: Mit diesem Thema haben wir uns in der Probenarbeit intensiv auseinandergesetzt, Stichwort Blackfacing. Man sieht hinter jeder Figur auch ein bisschen den Schauspieler durchscheinen, man sieht, dass das gespielt ist. Das schadet nicht dem emotionalen Erleben unseres Abends. Im Gegenteil.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - „Willkommen bei den Hartmanns“ von Simon Verhoeven, bearbeitet von Angelika Hager. Familienstück für Menschen von 12-99 Jahren im Akademietheater. Regie: Peter Wittenberg, mit u.a. David Wurawa, Alexandra Henkel, Markus Hering, Alina Fritsch und Simon Jensen. Premiere am 19. November, 18 Uhr. Weitere Termine: 22. und 25. November, 2., 10. und 25. Dezember sowie im Jänner. Karten und Infos unter Tel. (01) 5131513 oder www.burgtheater.at)


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